… die andere Seite der Stadt.
Völlig irritiert wache ich heute früh auf. Der Traum, den ich träumte, macht mich fertig und ich schwanke, noch völlig schlaftrunken, ins Badezimmer. Ich muss wissen, ob das ein Traum war …
Gestern Abend haben wir uns unter anderem im „Samba“ über Tatoos unterhalten und dass es in St. Pauli sehr sehr viele Menschen gibt, die ein solches tragen. Javier meinte, ich solle mir auch ein Tatoo stechen lassen – so als kleines Andenken an meine Zeit hier in Brasilien. Ernsthaft in Betracht habe ich dies nicht gezogen, dennoch muss mich dieses Thema so sehr beschäftigt haben, dass ich davon träumte.
Und der Traum ging so:
Ich sehe mich beim Tätowierer auf dem Stuhl sitzen und erkläre ihm, dass ich auf der rechten Wange (!) in grossen Lettern „SAMBA – SAO PAULO“ tätowiert haben möchte. In 2 Zeilen. Der Tatto-Maker macht und ich glaube sogar den Schmerz zu spüren. Als er fertig ist, hält er mir den Spiegel vor. Ob das wieder weg geht, will ich wissen. Er verneint und bestätigt nochmals, als ob ich das nicht wüsste, es sei ein Tatoo und da könne man nun gar nichts mehr tun. Vielleicht würde es mit der Zeit verblassen, doch ich solle mich jetzt nicht so anstellen, schliesslich wollte ich das ja so.
Und genau das ist der Moment, als ich wach werde …
Ein wenig durch den Wind bin ich schon. Der Kaffee hilft und das Skyponat mit Tuti auch. Ich mach mich langsam fertig, denn heute möchte ich die Gegend weiter erkunden. Zunächst hole ich meinen Begleiter ab und wir machen uns auf zu einem kleinen Spaziergang. Er ist einverstanden, dass wir heute mal Downtown erkunden und uns die „Virada Cultural“ mal ansehen. Diverse Bands sollen in den Strassen, Museen und anderen Locations spielen, einen Besuch soll es allemal wert sein und wir sind bereit, uns dem Getümmel zu stellen und auch der Herausforderung, heute zum ersten mal mit der Metro zu fahren.
Leider hat die Gegend, in der wir wohnen, keine Anbindung zur Metro und so rufen wir uns zunächst ein Taxi herbei, welches uns an der Avenida Paulista an der Metrostation absetzt.
Zum Glück bin ich im Besitz einer Kopie eines Stadtteilausschnitts, auf welchem in grellen Farben angemalt ist, wo ich wohne, wo ich ich arbeite, welcher Park in der Nähe ich und auch in welchem Teil der Stadt die Virada-Dingens stattfinden soll. Der Metrokartenverkäufer erklärt geduldig, mit welcher Farbe wir in welche Richtung fahren müssen und ab genau diesem Zeitpunkt sind wir uns selbst überlassen. Glücklicherweise funktioniert Metrofahren überall immer gleich und die richtig Richtung ist gleich gefunden.
Wir steigen einmal um und beschliessen, an der Stadtion in der Nähe der Kathedrale auszusteigen.
Wilde und vor allem sehr laute „Utz-Utz-Musik“ pfeift uns schon um die Ohren, obwohl wir das Tageslicht noch nicht erblickt haben. Je weiter wir uns nach oben bewegen, umso lauter und „anders“ wird es. Halbnackte Menschen bewegen sich zu diesen Rhythmen auf den Strassen, vor der Bühne, auf den Grünflächen. Andere liegen, sitzen, stehen eher teilnahmslos daneben. Ander wiederum liegen auf und unter Kartons unter Bäumen und schlafen.
Es ist, als tauchten wir in eine andere Welt. Überall um uns herum aber auch Polizei, die für Recht und Ordnung sorgt.
Zunächst laufen wir nach links. Es braucht keiner Worte, als Javier und beschliessen, dann doch lieber in die Richtung der Kathedrale zu laufen. Doch auch hier ist das Klientel das gleiche. Auf den Stufen vor dem Eingang zur Kathedrale werden Palmzweige verkauft und im Innern ist die Messe noch in vollem Gange. Wir betreten die Kirche und lassen die ersten Eindrücke zunächst mal auf uns wirken. Es ist schon komisch, denn während der Pfarrer seine Predigt hält, hört man von draussen die „Utz-Utz-Musik“.
Wir gehen weiter und begeben uns auf die Suche nach einer Band, die uns eher zusagt. Vielleicht liegt es daran, dass wir nicht wissen, wohin wir gehen sollen, doch das, was uns in den Strassen dieses Stadtteils begegnet, erschreckt uns. Viele Obdachlose, die halbnackt, zur Stunde aber auch ziemlich betrunken, auf dem Boden liegen. Teilweise mitten auf der Strasse. An manchen Stellen haben sich sogar ganze Lager gebildet. Sie schlafen und doch macht sich in mir ein ungutes Gefühl breit. Der Gestank, der in der Luft liegt, ist kaum auszuhalten.
Einmal mehr brauchen wir keine Worte, um uns gegenseitig wissen zu lassen, dass dies zuviel Kultur an einem Tag ist. Wir wollen nur noch raus, wir wollen wieder dorthin zurück, wo wir uns auskennen, wir uns sicher fühlen. Wer weiss, ob wir überreagiert haben oder nicht. Doch in solchen Situationen verlasse ich mich lieber auf mein Gefühl und bin somit auf der sicheren Seite.
Unser nächstes Ziel ist das Shoppingcenter. Erst mal was Essen gehen und dann sehen wir weiter. Wir wollen shoppen … Nach ner guten Stunde schicken wir uns zeitgleich ne SMS, ob wir denn erfolgreich waren. Meine Ausbeute: Ein Paar Flip-Flops, die mir allerdings doch ein bisschen zu klein sind. Jetzt muss ich morgen mal sehen, ob ich die hier umtauschen kann.
So, das war mein Wochenende in Sau Paulo … Mal wieder viel erlebt und viele Eindrücke gesammelt, die jetzt erst mal noch verarbeitet werden wollen …
Die Woche ist kurz – nur 3 Tage arbeiten …
Gehabt Euch wohl,
Eure Jana
PS: Meine innere Uhr läuft noch immer auf europäischer Zeit ...
Hi Jana,
AntwortenLöschenja auch das gehört zu Brasilien. Ich kann mich noch gut daran erinnern. Diese Seite wird gern versteckt. Es war ursprünglich sogar ein Grund, Brasilien nicht zu besuchen, weil ein großer Teil eben sehr arm ist. Dennoch bin ich froh, es getan zu haben, denn diese Mischung ist eben Brasilien. Und Lebenslust hat auch der ärmste Brasilianer. Das hat mir sehr imponiert. Das war 1992, also sehr lange her und keine Ahnung, was sich seitdem getan hat. Deinem Gefühl zu trauen, dort wieder zu verschwinden ist gut. Gut auch, dass du Javier an deiner Seite hattest. Mensch, Jana, deine Erlebnisse sind nicht nur heiter, erfrischend, sondern auch ziemlich spannend. Pass' gut auf dich auf. ♥
Coco