Mittwoch, 5. Oktober 2011

Haloooooo????

Geht’s eigentlich noch?



Kurz nach 1000 in Sao Paulo.
Ich verarzte gerade noch telefonisch meine Nachwehen der vorhergehenden Besprechung, als plötzlich lautes Sirenengebrüll, Blitzlichtgewitter und allgemeiner Trubel losgehen.

In Lu ertönt es dann immer aus den Lautsprechern: „Achtung, Achtung, es erfolgt die wöchentliche Überprüfung der Lautsprecheranlage. Bitte melden Sie Störungen …“ – Jeden Freitag um Punkt 1100.
Heute ist weder Freitag, noch ist es Punkt 1100, doch Manoel hat sich den quietschorangen Kittel angezogen und scheucht die vor sich hinarbeitende Meute auf.
Mein Gespräch beende ich abrupt und schwimme mal ausnahmsweise nicht gegen den Strom.

Das Gebäude hat 15 Stockwerke, wobei es Nummer 13 nicht gibt, da es angeblich Unglück bringen soll. Ergo kann das Feuer schon mal nicht im 13. Stock ausgebrochen sein. Die Menge drängt inzwischen schon zum Ausgang, während ich noch schnell mein Hab und Gut in den Rucksack verstaue. Die Smartphones nehme ich mit, das Softphone bleibt liegen und während ich mich schon auf dem Weg zum Ausgang befinde, fällt mir ein, dass ich die Jacke nicht mitgenommen habe. Ergo, ich spring noch schnell zurück, um mich dann in Windeseile der hinunterströmenden Menge anzuschliessen.

Sao Paulo und das vorherrschende Verkehrsproblem. Zur besten Spielfilmzeit, kommt der Verkehr auf den paulistanischen Strassen zum Erliegen, Sonntags stehen sich die Radfahrer ihre Pedalen in den Bauch und jetzt steh ich im Fussgängerstau im Treppenhaus zwischen Stockwerk 12 und 11. Es bewegt sich nichts.
Wir werden angehalten, zwar keine Gasse freizuhalten, doch müssen wir uns alle rechts einordnen. Das muss sein, denn wenn der Bombeiro mit dem Wasserschlauch hoch muss, dann muss er das auf der anderen Treppenseite tun können. Wertvolle Minuten vergehen und ich ertappe mich dabei, wie ich die Lüftungsschlitze beobachte, ob nicht Rauchschwaden aufsteigen. Auch fällt mir auf, dass ich mich durch den vorhandenen Gesprächslärm – es hallt verdammt laut nach – nicht auf meinen Geruchssinn konzentrieren kann. Riecht es evtl. schon verkohlt oder so?
Nichts kann ich erriechen oder gar erkennen.

Weitere Minuten vergehen und es wird immer wärmer, immer lauter, immer …
Und dann ist’s vorbei mit meiner Contenance … Langsam steigt Panik in mir auf. Die Menschen von hinten drängen sich mir ins Kreuz, die Luft wird immer dünner und meine Knie immer weicher. Bevor ich zum „Stagediver“ werde, setze ich mich vorsichtshalber mal auf die Treppe. Während ich so da sitze, versuche ich die aufkeimende Panik unter Kontrolle zu halten, indem ich tief und langsam weiteratme. Innerhalb weniger Minuten fragen mich allerdings eine kleine Million Menschen, ob denn alles gut sei … Offenischtlich nicht, denn was ich nicht sehen kann ist, dass ich meine Gesichtsfarbe, der des Treppenhauses (weiss) angepasst habe und dass mir inzwischen die (Angst)Schweissperlen von Stirn und Nase tropfen.

Eine Kollegin mit grünem Signalfarbenkittel schnappt mich bei der Hand, eine andere trägt hinter mir meinen Rucksack und wir begeben uns auf dem Bombeiro-Treppenweg nach unten. Es kommt mir vor, wie eine Ewigkeit. Immer mal wieder setze ich mich, da ich glaube Karussell zu fahren. Eine ganze Ewigkeit später kommen wir draussen an. Ich folge nur noch, allein geht gar nichts mehr.
Ich sitze. Draussen. Im Freien.
Zum Glück hab ich den Rucksack dabei, denn der hat Wasser.

Und dann kommt auch schon der japanesische Doktor und misst mir den Blutdruck, der jenseits von gut und böse zu sein scheint. Allmählich lässt die Panik nach, mein blutleerer Körper füllt sich wieder mit Leben.

Es war ein Test. Ein Probelauf.
In 20 Minuten wurden insgesamt 2.600 Personen aus dem Gebäude befördert.

Jetzt bin ich nicht nur die „Gringa“, sondern auch noch das Mimöschen …

Gehabt euch wohl.
Ich.

Montag, 3. Oktober 2011

Fim de semana ...

… em Sao Paulo !



Was tut Frau in Sao Paulo, wenn alle verfügbaren Gesprächs- und Ausgehpartner gerade mal nicht verfügbar sind? Dada weilt samt Schwesterlein in Buenos Aires, Da schlägt vor, Schuhe shoppen zu gehen, kann es allerdings noch nicht fest zusagen, Daniel hat sich für ein paar Monate nach NYC abgesetzt, der Boyfriend ist mit seinem Girlfriend über’s Wochenende nach Campos do Jordao gefahren und Rodrigo muss sich um „family affairs“ kümmern.

Da stand ich nun mit meinen nicht vorhandenen Problemen und beschliesse zunächst das Wochenende mit ausgiebigem Ausschlafen zu beginnen.
Und wenn ich ausgiebig sage, dann meine ich auch ausgiebig und nicht, dass ich um 0700 ungrad das Licht des Tages erblicke. Und so beschliesse ich erneut, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen und erwache ein zweites Mal um kurz vor 1000. Tschakka!

Ein Blick aus dem Fenster: Strahlender Sonnenschein … ! Lange brauche ich nicht zu überlegen und weiss, wie ich in meinen brasilienischen Tag starten werde. Kaffee, Buch und Sonne by the Pool. Noch bin ich neu auf diesem Gebiet und wage mich zunächst mit Shorts und Trägertop 17 Stockwerke nach unten. Der Planet brennt und ich frage mich, was mich geritten hat, nicht den Bikini anzuziehen. Ergo lass ich Kaffee, Buch und Handtuch liegen, spring zurück in den Fahrstuhl, tausche Shorts gegen Bikini und 2 Minuten später liege ich glänzend, wie ein in Öl gebadeter Hering auf der Sonnenliege.

Mein Sonnenbad wird allerdins jäh durch aufziehenden Schatten unterbrochen. Ich öffne mein linkes Auge und stelle fest, dass ich eines meiner drei Hochhäuser direkt vor die Sonne geschoben hat … Ja nu, ich kann auch anders und suche mir mit Sack und Pack eine andere Ecke auf dem Poolareal. Zwischen 2 Palmen fühle ich mich wohl und kann mich hier meinem Sonnenbad weiter hingeben. Ja, so schmeckt der Sommer … ! Und das ist erst der Anfang …
Naja, eigentlich schon wieder der Anfang vom Ende, denn jetzt hat sich der zweite Turm meines Wohnkomplexes auch noch vor die Sonne geschoben.
Ich fühle mich wie ein Nomade, als ich ein weiteres mal meine Sachen packe und zur nächsten freien Sonnenliege wandere …

2,5 Stunden später habe ich genug gebadet – sowohl in der Sonne, als auch im Schatten - und trete gut erholt den Weg nach oben an. Nach ausgiebigem Bad schiebe ich den frisch gebräunten Körper ins Shopping-Center. People-Watching, Kaffee trinken, Eis essen – eigentlich überhaupt erst mal was essen.
Den Abschluss des Tages bildet ein 9 km Lauf durch den Park, eine heisse Dusche und ein Spielfilm.

Auf das Sonntag-Programm hatte ich mir den Zoo geschrieben. Meines Erachtens der ideale Ort, um das neue Objektiv auszuprobieren und zu erkunden, ob denn hier im Zoo andere Tiere wohnen, als bei uns zu Hause. Schavier gab mir mit auf den Weg, ich solle zeitig dort sein, denn womöglich sei ziemlich viel los.
Um 0900 macht der Zoo auf, ich bin schon 20 Minuten vor 9 da und warte in einer Schlange mit vielen anderen Brasileiros.

Die meisten schleppen grosse Kühlboxen mit, in welchen, wie ich feststellen kann, belegte Brote, Obst, Säfte und vor allem ganz arg viel Bier gekühlt werden. Aus allen Richtungen hört man das Zischen, wenn Dosen geöffnet werden. Zwischen den vielen Erwachsenen und halb erwachsenen tummeln sich jede Menge kleiner Kinder, die teilweise unsicher auf ihren Beinchen laufen. Kleine Mädchen in rosa Kleidchen und Blümchen im Haar äffen die grossen Mädchen nach, während die kleinen Jungs eher auf harte Schale – weicher Kern machen und sich nichts gefallen lassen. Lustig ist es jedenfalls, dem Treiben vor verschlossenem Gitter zuzusehen. Vor allem ist es lustig zu beobachten, wie die Erwachsenen ihren Filiussen die neu erstandenen Hüte in Form von gefährlichen Krokodilen, grunzenden Schweinen, krähenden Hähnen und brüllenden Löwen, vom Kopf „klauen“, um sich selbst für die Nachwelt verewigen zu lassen …

Punkt 0900 geht das Tor auf und die Masse strömt mit all der tierischen Kopfbedeckung, den mobilen Kühlschränken und den aufgedrehten Kindern in Richtung Kasse. Ich bin mittendrin, statt nur dabei. Mein Ticket hab ich bald gekauft, erstehe noch einen Zooplan und mach mich auf die Suche nach all den wilden und gefährlichen Tieren.
Schnabel- und Federtiere sind die ersten, die meinen Weg kreuzen, die Krokodile schlafen noch oder wollen sich nicht zeigen. Mir fällt auf, dass es in dem Zoo extrem viele Schildkröten gibt. Zu Lande, zu Wasser – in der Luft wäre gelogen. Schildkröten in allen Formen, Farben, Grössen. Alte, junge. Schön.
2 Nashörner schlafen in der Vormittagssonne und ein ziemlich runzeliger und faltiger und extrem rötlicher Elefant zieht eine coole Show ab, indem er sich in dem roten Sand wälzt – von rechts nach links und retour – und so tut, als könne er nicht aufstehen.
Natürlich steht er auf und zum Gruss an alle streckt er seinen grossen – ebenfalls runzligen – Hintern entgegen. Er wedelt mit dem Schwanz, stellt die Ohren und geht zurück ins Gehege. Obrigada.

Das Flusspferd regt sich nicht. Man sieht nur Teile des Tieres. Die Giraffen futtern, ein nasenbärähnliches Tier reibt seinen Rüssel an der Gehegemauer, das Kamel macht auch keine spektakulären Kunststücke und dann gibt’s noch Flamingos.
Am Ende meiner Tour durch den Zoo schau ich mir noch Kröten an …
Knappe 4 Stunden hat meine Tour gedauert und ich trete den Rückweg wieder an …

Mein Wochenende geht damit zu Ende, dass ich beim Joggen im Park vom Regen überrascht werde und da ich eh schon binnen Sekunden nass bis auf die Haut war, beschloss ich, die mir noch bevorstehenden 3 Runden zu laufen. Nach Runde 2 schwappe das Wasser bei jedem Schritt aus meinem Schuh, sehen konnte ich kaum noch was, weil mir ständig das Wasser in die Augen lief …

Heute sind wieder alle da und alle haben sie Zeit … Und ich bin froh, wieder arbeiten gehen zu dürfen …

Gehabt euch wohl!

Eure Jana