Donnerstag, 22. Dezember 2011

Das Leben lässt sich nur rückwärts verstehen ...

... muss aber vorwärts gelebt werden. (Sören Kierkegaard)



Auch wenn sich hierzulande mal so gar keine Weihnachtsstimmung einstellen mag, so kann ich es mir doch nicht ganz verkneifen, doch ein bisschen zurückzublicken auf die vergangenen Brasilenienmonate. Irgendwie liegen diese Monate, wie ein ganzes kleines Leben hinter mir und genauso wie ein ganzes kleines Leben vor mir ...
Verwirrend und spannend und so normal ... Alles drei auf einmal ...

Ein grosses Land, eine grosse Stadt und ziemlich grosse Gegensätze. April war’s, als ich zum dritten mal in meinem Leben brasilienischen Boden betrat. 2 Dienstreisen führten mich bis dato in das Land der Flip-Flöpper. Immerhin kurz genug, um mir nichts ansehen zu können, dennoch lang genug, um meine Zusage zu erteilen, dieses Land, diese Stadt, für ein Jahr meine Heimat schimpfen zu wollen.
Neben unzähligen Kilogrämmern an Gepäck, hatte ich natürlich noch unzählige gute Ratschläge mit dabei, die mir ganz wild im Kopf umherflatterten und mich schlussendlich daran hinderten, entspannt meinen Aufenthalt zu beginnen.
Es ist gefährlich. Du musst aufpassen. Lauf nicht allein auf der Strasse. Nimm immer ein Taxi ... etc.

Es ist, als ob es gestern war ... Rotz und Wasser heule ich am Flughafen und will gar nicht mehr. Im Flieger will ich gar nicht aussteigen. Will gleich wieder zurück nach Hause. Doch nix da. Leben, ich zeig Dir mal, wo der Frosch die Locken hat. Die Suppe hab ich mir eingebrockt, die löffel ich jetzt auch aus. Komme was wolle. Und dann beschliesse ich erst einmal, das Hotelzimmer nicht mehr zu verlassen.
Allerdings führt kein Weg daran vorbei und ich muss raus. Es geht gar nicht anders und so wage ich die ersten Baby-Steps auf Paulistanischen Strassen. Ganz behutsam setze ich einen Fuss vor den anderen, versuche jeden und alles im Auge zu behalten, bis mir eine Shopping-Mall sicheren Unterschlupf gewährt.

Damals und Heute. All das, was mir zu Beginn Angst, Probleme, Unbehagen, bescherte, geht mir heute relativ leicht von der Hand. Ein klein wenig erschreckend, wie schnell sich das gelegt hat und wie normal das geworden ist. So, als hätte ich niemals was anderes getan. So, als wäre es nie anders gewesen.

So fremd die Menschen mir damals vorkamen, so vertraut sind mir ihre Gesichter heute.
So fremd die Sprache in meinem Ohr klang, so spreche ich sie heute selbst und ertappe mich hin und wieder dabei, sogar in ihr zu denken.
So allein ich damals auch war, so habe ich inzwischen Freunde gefunden, auf die ich mich verlassen und auf die ich zählen kann.
So sehr mir vor der brasilianischen Bürokratie auch graute und so schwer sich das gestaltete, so lernte ich durchzublicken, zu verstehen und mich allein durch den Bürokratie-Dschungel zu navigieren.
So chaotisch mir der Verkehr auf St. Pauli’s Strassen vorkam, so stürze ich mich heute allein mit einem Auto bewaffnet hinein. Selbst das Navigationsgerät habe ich in den letzten Wochen nicht mehr benötigt.

Schlussendlich ist es so, dass, ganz gleich wo man auf der Welt ist, nach einer gewissen Zeit, der Alltag Einzug hält. Es kommt mir vor, als hätte ich den Alltag zu Hause gelassen, weil im Gepäck kein Platz mehr war und dann geht der Alltag hin, kauft sich einfach ein Ticket nach Brasilenien, ohne mir bescheid zu geben, und schleicht sich einfach in das neue Leben ein. Noch nicht mal vom Flughafen wollte er abgeholt werden. Er findet einen auch ohne Auto und ohne GPS.
So ist das wohl.
Und dennoch, es ist anders, als zu Hause. Also in Good Old. Denn St. Pauli ist auch irgendwie Zuhause. So ein bisschen ist es das geworden. Der Dunstkreis, in dem man sich in der Stadt bewegt, ist vertrauter. Neues geht man viel lokkerer an, als noch zu Beginn. Es jagt einem eben nicht mehr so schnell Angst ein.

Neben all den sichtbaren Veränderungen, und ich bin mir sicher, noch lange nicht alle aufgezählt zu haben, stellt man dann in einer ruhigen Minute fest, dass man sich selbst auch verändert hat. Und so stelle ich fest, dass ich die ein oder andere Gewohnheit abgelegt, dafür aber eine neue dazu bekommen habe. So ein klein bisschen mehr „Mädchen“ bin ich wohl auch geworden (unlängst fragte mich ein Freund: „Du sag mal, seit wann wackelst Du denn mit dem Po?“. Mal ganz davon abgesehen, dass ich nicht mit dem Po wackle, so habe ich mich als Gringa, wie ich hier liebevoll genannt werde, belehren lassen, dass ich mit meinem europäischen Bikini NICHT an den Strand gehen darf und mich den lokalen Gepflogenheiten anzupassen habe. Lange Rede kurz, die „Zahnseide“ konnte ich den Mädels ausreden, dennoch ist das Stück Bikini-Stoff einiges knapper ausgefallen, als jenes Modell, was ich zu tragen pflegte (und da dachte ich schon, es sei knapp).
Kurzum, ich merke, ich komme bei und in mir an. Eine Gelassenheit von ganz tief drin macht sich in mir breit und ich fühle mich wohl. Die brasilianische Gelassenheit tut gut, um in bestimmten Momenten, nicht gleich aus der Haut zu fahren. Manchmal verpenne ich sogar, dass es evtl. ein Moment zum in die Luft gehen gewesen sein könnte. Nichts wird so heiss gegessen, wie es gekocht wird und wenn, dann ist der Brasilianer nicht nachtragend, das Brandbläslein auf der Zunge ist vergessen und ein kühles Blondes hilft, Linderung zu verschaffen.

Meinen Koffer habe ich auch oft gepackt – ich glaube, nur die Kofferpackzeit in der Schweiz habe ich noch nicht ganz getoppt.
Ich packte meinen Koffer nach:
- Ubatuba
- Manaus
- Foz do Iguacu
- Deutschland
- Zagreb
- Rio de Janeiro
- nochmal Deutschland
- Puerto Madryn – El Calafate – Ushuaia – Buenos Aires
- Deutschland
- heute packe ich meinen Koffer wieder
Tja, viel gesehen und viel erlebt habe ich – haben wir. Freunde aus Deutschland habe ich hier empfangen und Zeit mit ihnen verbringen dürfen.

Doch wie alles im Leben, hat auch dies hier seinen Preis.
Viele traurige Momente habe ich hier überstehen müssen. Allein. Weit weg von der Heimat. Den Freunden. Der Familie. Das Internet oftmals der einzige Zugang zur Aussenwelt. Das Heimweh war zuweilen schon sehr heftig und es gab Momente, in denen ich am liebsten alles hingeworfen und die Koffer nach Hause gepackt hätte.
Viele Froschpokermomente musste ich überstehen, bis auch für mich die Sonne wieder schien. Und nicht selten die Frage, warum das alles. Zweifel, an dem, was man tut und tat. Selbstzweifel. Angst, vor dem was kommt und Angst vorm Aufwachen und feststellen, dass es doch nicht das gewesen ist, was man sich für sich selbst so vorgestellt hat.

Diese grosse Reise hat Grosses in mir losgetreten. Jetzt gilt es, alles zu ordnen und die Weichen neu zu stellen. Für den Moment aber begebe ich mich zunächst in die Verlängerung und habe so mit dem heutigen Tag sowas ähnliches, wie ein Bergfest. Das was zeitlich nun hinter mir liegt, liegt, so sich nichts ändert, noch vor mir. Und ich glaube mit Fug und Recht behaupten zu können, dass die bevorstehenden Tage, Wochen, Monate sicherlich nicht minder spannend und ereignisreich werden werden, wie jene, die bereits vergangen sind.

Und dann war und ist da noch der „Boyfriend“ Schavier, der so ziemlich alle Berg- und Talfahrten mitgemacht hat. Ein treuer Freund und Begleiter, Zuhörer und Ratgeber. Ohne ihn wäre es ungleich schwieriger gewesen. Er wird seinen Abschluss machen, indem er seine liebe Freundin Karime in Kolumbien heiraten wird und ich werde meinen Abschluss machen, indem ich mit meinen „brasilianischen Schwestern“ am kolumbianischen Strand feiern werde ... Zumindest werden wir im gleichen Land feiern, wenn ich nicht schon bei der Hochzeit dabei sein kann ...

Nun bleibt mir nur euch ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Start ins Neue Jahr zu wünschen !
Kommt gut raus und vor allem gut rein, passt auf euch auf. Und mit ca. 6stündiger Verspätung werde dann auch ich auf euch, auf mich, auf uns anstossen können !!!

Gehabt euch wohl !!!

Eure Jana

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Brasilenien ...

... und was mich sonst noch anstrengt!





Dinge passieren, ohne dass man wirklich Einfluss darauf nehmen kann. So kam mir mein letzter Good-Old Aufenthalt extrem kurz vor, die Rückkehr nach St. Pauli fühlte sich allerdings eher danach an, als sei ich eine halbe Ewigkeit weg gewesen.
Vielleicht lag es aber auch einfach nur am immensen Temperaturunterschied. Meine Schneefallgrenze ist um mindestens 30 Grad gesunken, das Atmen fällt am Nachmittag unter freiem Himmel zunehmend schwerer und diese dauerhafte Schwüle trägt nicht unbedingt zum allgemeinen Superwohlbefinden bei.

Doch wer jammert, kommt ins Heim und so schleppe ich meinen Körper direkt nach Landung vergangene Woche zum Lauftraining in den Park. Alles ist unverändert, bis auf die Tatsache, dass selbst im Park Weihnachten Einzug gehalten hat. Wie alles in St. Pauli, sind auch hier die Weinnachtsglocken, -kugeln und –lichter überdimensioniert. Während ich so meine Runden drehe, begutachte ich die Parkdeko und erwische mich dabei, wie ich mich schon darauf freue, demnächst mal bei Nacht laufen zu gehen, damit ich das Spektakel dann auch mal in Betrieb ansehen kann.

Ich schnaufe wie ein Walross, als ich den Park in Richtung Wohnung verlasse, als mich mitten auf der Strasse jemand „anhaut“. Zweimal musste ich hinsehen, bis ich kapiere, dass es sich um meinen Mitläufer im Park handelt, mit welchem ich bislang immer nur Blicke tauschen konnte und der mein heimlicher Motivator war, immer noch eine Runde mehr zu laufen. Wow, 18 Melonen Menschen in dieser Stadt und ich werde auf der Strasse erkannt bzw. kenne selbst jemanden. Marcio lässt mich wissen, er hätte mich in den letzten Wochen „vermisst“ und ein Blick auf seine Uhr entlockt ihm, dass ich an jenem Tag wohl viel zu früh zum Laufen dran war.
Wir verabschieden uns, denn schliesslich muss ich in Bewegung bleiben und er will auch noch loslaufen. Allerdings steht der Plan, dass wir uns freitags (zur gewohnten Uhrzeit) im Park zum Laufen treffen wollen.

Lange Rede kurz. Wir kommen an jenem Freitag nicht zusammen. Gestern erst hat es wieder geklappt. Eine Stunde lang drehen wir gemeinsam unsere Runden, sprechen eine lustige Sprache, die wir selbst nicht so recht definieren können und dann geht wieder jeder seiner Wege ...


Dieses Klima ist im wahrsten Sinne des Wortes anstrengend. Auf auf die Gefahr hin, dass ich meinen Lauffreund im Park nicht mehr sehen werde, testete ich diese Woche mal aus, wie es denn ist, am Morgen zu laufen. Schwül isses am Morgen auch, vielleicht sogar noch mehr, als am Abend, doch es ist nicht ganz so drückend heiss. Ich verspreche mir davon, meine allmorgendliche Schwitzkur während des Laufens hinter mich zu bringen, um mich nach dem Duschen damit rumärgern zu müssen.
Doch weit gefehlt. Ich lasse mir Zeit, führe all meine Bewegungen in Slow-Mo aus und dennoch, jede noch so kleine Bewegung treibt mir die Schweissperlen auf die Stirn. Inzwischen bin ich schon soweit, dass ich morgens mindestens 30 Minuten einplanen muss, denn zwischen den einzelnen Arbeitsschritten muss ich weitere Ruhepausen einplanen ...

Leider bewahrte mich das vorgestern Morgen nicht davor, nachdem ich schon fix und fertig angezogen und mit dem Fahrstuhl nach unten gefahren war, mich nach einer weiteren Ruhepause von der Ruhepause doch wieder nach oben zu begeben, um mir wieder trockene Klamotten anzuziehen. Unglaublich dieses Klima hier (und ich bin mir sicher, es ist das Klima und nicht ich!!!). Wissentlich, dass ein 1,5 km Fussmarsch vor mir liegt, packe ich vorsorglich noch ein frisches T-Shirt ein und begebe mich auf die Strasse ...
Keiner will wissen, in welchem Zustand ich bei der Arbeit ankam. Ich ehrlich gesagt auch nicht mehr ...
Einmal mehr denke ich mir, wie schön es doch in Deutschland wäre. Wenn es kalt ist, ist es kalt und wenn es warm ist (bzw. sein sollte), ist es auch kalt. Da weiss man, was man hat und man weiss auch immer, wie man sich richtig anzuziehen hat ...

... und es war noch nicht mal richtig Sommer ...


Inzwischen treibt mir noch eine weitere Tatsache (Angst)Schweissperlen auf die Stirn. Es ist das 17. Stockwerk, auf oder in welchem ich lebe. Also, nicht das Stockwerk selbst, vielmehr die Tatsache, dass dieses Stockwerk ohne Fahrstuhl nur unter Aufbietung der letzten Kräfte erreichbar wäre. Kurzum, ich glaub, ich bin in 120 % aller Fälle auf das mobile Gefährt angewiesen.
An dieser Stelle sollte ich erwähnen, dass ich mich in kleinen, engen Räumen generell nicht so wohl fühle, in kleinen, engen Räumen mit vielen Menschen noch viel weniger. Auch ist mir immer wieder blümerant, wenn ich mit dem Fahrstuhl fahren muss und jedesmal bin ich erleichtert, wenn das Ziel erreicht ist und ich endlich wieder aussteigen darf.

Es war Montag. Diese Woche. Ich beschliesse noch vor dem Aufstehen joggen zu gehen. Meine Nachbarin dachte sich das gleiche und so standen wir kurz nach 0600 gemeinsam im Fahrstuhl. In „Null“ wollen wir aussteigen, doch kurz vorher bleibt der Fahrstuhl stehen. Oder stecken. Oder was auch immer.
Normalerweise zeigt meine Pulsuhr im Ruhezustand noch nicht mal die 50 an und jetzt schnellt der Pulsschlag binnen weniger Sekunden auf über 100 ... Shit. Ich – wir – stecken fest. Auf das Klingeln reagiert keiner und dann geht das Licht ein weiteres mal aus. Als es wieder angeht, zeigt das Display des Fahrstuhls die 28 an und die Kabine setzt die Fahrt in entgegengesetzer Richtung fort. In -3 dürfen wir aussteigen. Die Treppe nehmen können wir nicht, da das Treppenhaus stockdunkel ist und so arbeiten wir uns die Tiefgaragenausfahrt nach oben, bis wir endlich wieder Tageslicht sehen.
Mit meinem Puls bin ich längst schon „out of Comfortzone“ und ich überlege, ob ich überhaupt noch laufen soll, denn in den letzten 20 Minuten habe ich vermutlich schon 7,8 g Fett und 1.334 kcal verbrannt ...

Schlussendlich entscheide ich mich dann doch für den Parklauf und als ich zurück bin, verdonnere ich einen meiner Türwächter, mich mit dem Fahrstuhl nach oben zu fahren, denn jetzt trau ich mich nicht mehr allein ...


So, und zu allem „Elend“ gibt’s dann morgen abend noch: „Amigo Secreto“. Den Krabbelsack oder das Wichteln kenn ich schon, doch einen „geheimen Freund“ kenn ich nicht. Während man mir Gringa erklärt, dass es noch einen Subnamen gibt, sowas wie: „Ich klau mir mein Geschenk“, bin ich etwas schlauer.
Und das geht so:
Der Betrag von BRL 30,00 wurde festgelegt. Man sollte sich daran halten. Eingeladen werden ALLE. Männlein und Weiblein. Kreativ soll das Geschenk sein.
Soviel zu den Rahmenbedingungen.
Wenn wir uns morgen dann in der Location einfinden, warten wir erst mal ab, essen, trinken und erzählen und wenn dann klar ist, dass keiner mehr kommt, werden die Namen der Anwesenden auf Zettel geschrieben.
Derjenige, der sein Geschenk verschenken soll, muss einen Zettel ziehen und demjenigen sein Geschenk schenken. Der Beschenkte kann dann, wenn ihm sein Geschenk nicht gefällt, einem anderen das Geschenk „klauen“ (also tauschen). Der, der zuerst dran ist, wird dazu wenig Möglichkeiten haben, doch je später man beschenkt wird, umso grösser die Auswahl, sich ein schöneres Geschenk auszusuchen.

Da ich jetzt allerdings nicht weiss, ob jemand meiner „geheimen Freunde“ hier mitliest, werde ich nicht veröffentlichen, was ich mir habe einfallen lassen ... Das mach ich zu einem späteren Zeitpunkt ...

Und hier noch mein Elf für dieses Jahr (auch eine ziemlich anstrengende Performance :-))


Gehabt euch wohl,
Eure Ma

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Fast Forward ...

… Wo ist die „Pause-Taste“?



Kann mal bitte jemand mein kleines beschissenes Leben kurz anhalten? Ich kann's offensichtlich nicht … Die Zeit rinnt mir durch die Finger, es scheint, als erlebe ich Dinge in 14 Tagen, für die andere mal lokker, wenn nicht sogar noch mehr Zeit brauchen …
Ich komm selbst nicht mehr nach … Überrolle mich selbst und schau dem vorbeirauschenden Zug einfach nur noch nach und weiss gar nicht so recht, was da gerade so passiert ist.

Wie gut, dass ich's aufschreiben kann, denn dann kann ich's irgendwann, wenn ich mal raste, nachlesen und mich selbst wieder aufgleisen und abholen.

Das Ende meines Abschlussberichtes macht nun hier den Anfang, denn das ist das, was mich schon recht beschäftigt hielt …
Unverhofft fragte ER, ob er mich denn am Tag meiner Ankunft in Frankfurt am Flughafen abholen solle. Ich lehne ab, wobei ich mich heute schon frage, ob es nicht vielleicht besser gewesen wäre, das Angebot anzunehmen …
Warum hab ich eigentlich abgelehnt? Ganz einfach. Wir haben uns sage und schreibe 21 Jahre nicht mehr gesehen. Es ist viel passiert in diesen Jahren und in knapp 2 Wochen lässt sich das weder per Mail, noch per Telefon nach- und aufholen.
Die Vorfreude ist gross. Erwartungen habe ich keine. Es ist einfach nur schön, einen „alten“ Bekannten nach einer halben Ewigkeit wieder zu treffen.
Während wir uns auf unser Wiedersehen warten, vertreiben wir uns die Zeit mit Reden und Schreiben. Ich bin gespannt. Weiss nicht so recht, was mich erwarten wird.

Er bestimmt das Tempo. Er bestimmte es die ganze Zeit. Pläne hat er gemacht. Termine hat er umgelegt. Zeit hat er sich genommen.
Dann das erste Treffen nach gefühlten 100 Jahren. Schön war's. So fremd und doch so vertraut. Er hat sich verändert. Ich mich wohl auch. Wir reden. Wir lachen. Noch immer bestimmt er das Tempo. Alles ist fein und ich? Ich mag gar nicht denken … Ich lass es einfach und verlass mich auf meinen Kopfbauch.
Und nach dem Treffen fragt er mich, ob ich nicht zu einem seiner Termine mitkommen möchte. Er würde sich freuen, täte ich ihn begleiten. Zugegeben, wohl war mir dabei nicht. So ne halbe Familiensache, die mir schon recht schwer im Magen lag … Ich zeige mich solidarisch, zumal er mich ja auch zu einem Geburtstag begleiten wollte. Augen zu und durch. Wird schon werden. Alles ist fein. So auch der Abend. Wir lachen. Wir reden.

Der Geburtstagssamstag beginnt entspannt. Ich tu das, was ich tun muss und selbstverständlich will ich wieder alles und das am besten auf einmal. Und so hat dann auch noch Tuti Zeit. Cool. Nach einer halben Ewigkeit will ich sie auch noch in den Arm nehmen und nicht noch einen Tag länger warten. Es muss noch vor dem Geburtstag sein. In der Zwischenzeit vermeldet er, er würde sich verspäten. Mein Vorschlag lautet: Er solle sich Zeit lassen, ich führe unterdessen zur Tuti und wir könnten uns ja dann völlig entspannt eine Stunde später treffen, um auf den Geburtstag zu gehen.
Doch dann kommt es doch ganz anders. Er möchte mit und bittet mich, zu warten. Ich tu, wie ich gebeten.

Noch immer ist alles furchtbar entspannt. Bei Tuti gibt es viel zu reden, viel zu sehen und vor allem viel zu berichten. Schön isses und dann müssen wir aber auch schon los, da das Geburtstagskind eben auch noch wartet.
Auf der Party angekommen, begrüssen wir hier, reden dort und überhaupt ist alles ziemlich tippi-toppi.
Ca. 2 Stunden später lässt er mich wissen, dass ihm alles zu schnell ginge.
Hääää?
Wie jetzt?
Ja, es ginge ihm zu schnell. Wir hätten uns keine Zeit gelassen … bla bla bla …
Aha.
Zum Glück war ich diesmal nicht diejenige, die das Gaspedal mit dem Bremspedal verwechselt hat …
Ich versteh' mal wieder so rein gar nichts … Muss ich aber auch nicht.

Dennoch kann ich es nicht unterlassen, meiner Enttäuschung Luft zu machen und halte mit keinem meiner Worte hinterm Berg. Bedrückendes Schweigen. Ich steige aus dem Auto, wünsche eine angenehme Heimfahrt und suche Schutz in der Casa.
Ich denke nach. Sicher bin ich mir nicht mehr, ob es immer so geschickt ist, die Wahrheit und das, was man so denkt, frei auszusprechen. Das geschnalzte Wort eben. Doch der verletzte Stolz, die Enttäsuchung liessen einfach keine andere Wahl. Was folgt, ist ein Treffen auf dem Glühmarkt, eine Erklärung dessen, warum es war, wie es war und vor allem aber das zum Ausdruckbringen, dass das, was er vorher tat, sagte und unternahm, so gar nicht zum Zuschnellgehen passten.
Und einmal mehr lasse ich mich von ihm auf's Glatteis führen … Der Abschied sprach eine andere Sprache.

2 Tage später dann die Offenbarung, er müsse nun doch ehrlich sein …
Er wählt die non-verbale Kommunikation.
Feige ist das. Ein Griff zum Telefon wäre das Mindeste gewesen.
Doch das ist eben nicht Jedermann's Sache.
Ich wünsche noch „ein schönes Leben“ und hake die Sache für mich ab.

Was ist nur los?
Ist es zuviel verlangt, von zwölf bis Mittag zu denken?
Stimmt mit mir was nicht?

So, das Abholen vom Flughafen überlasse ich zukünftig auch nur noch denen, die sich damit auskennen …

Gehabt euch mal wohl.

Dienstag, 22. November 2011

Abschlussbericht ...


… zumindest ein vorläufiger !



Heute (!) habe ich den Vertrag unterschreiben können, den mir meine Bank zur Eröffnung eines „Cadastro“ zugeschickt hat. Damit ich das auch alles formvollendet hinbekomme, schickte man mir in einer separaten Mail noch eine Anweisung mit. Selbstverständlich in Portugiesisch.

Das, und das weiss der geneigte Leser inzwischen, stellt zuweilen nur noch eine mittelschwere Herausforderung dar und so hangelte ich durch die einzelnen Punkte, bis ich zu dem Punkt gelangte, als ich Herrn Microsoft, also eigentlich Herrn Word, den Befehl zum Drucken geben sollte.
Drucken will nämlich auch gelernt sein. Jawoll ja. Und so erteile ich den Druckauftrag, welcher jedoch im Jenseits verschwindet, da der einzige, mir zugängliche Drucker, für den Moment das Zeitliche segnete.
Meine Suche nach einem weiteren druckfähigen Gerät blieb zunächst erfolglos, als ich die freudige Botschaft vernahm, dass das mir vertraute Gerät nun wieder funktioniere.

Es sind 4 Seite, ich schalte den Beidseitigdruck aus, und schiesse den Auftrag ab. Was ich erhalte, sind 8 Seiten, auf jeder jeweils eine Hälfte dessen, was eigentlich auf einer Seite hätte sein sollen …
Ich mag ja masslos im Verzehr von M&Ms sein, doch ich bin sicherlich nicht verschwenderisch, wenn es um Papier geht. Fast schon schäme ich mich, weil ich einen gefühlten Regenwald verdruckt habe und nach 2 Stunden noch immer nicht im Besitz von vier ordentlich gedruckten Kontraktseiten war.

In meiner Verzweiflung schreibe ich Pamela, die dann doch wieder lieber nur Priscila genannte werden wollte, eine Mail. Ich berichte von meiner Misere und dem abgedruckten brasilianischen Urwald und dass ich nicht weiss, wie ich die mir aufgetragene Aufgabe erfüllen soll.
Kurzerhand wird Senhora Marijana (das bin ich) in die Bank zitiert, dort unterbreitet mir dann mein (fast) Namesvetterin Mariana  den Vertrag und ich unterschreibe nur mit meinem guten Namen.
Noch jetzt frage ich mich, wieso sie immer wieder betont hat, dass die Gutschrift auf meinem Konto ERST am 23.12. erfolgen wird. Vermutlich werde ich dahinter kommen, wenn ich 12 ungrad tausend Kilometer im kalten Deutschland sitze und sich die Priscilas, Pamelas und Marianas bei einer Caipi über die Gringa lustig machen …
Warten wir’s mal … Bestenfalls hab ich genug Knete, um meine Miete zu bezahlen und um die im September vergessene Stromrechnung zu begleichen.

Was war noch in dieser Woche?
Ach ja, das Brasilieninsekt, welches mich in Dekolletee gestochen hat. Zugegeben, das hat mich schon ganz schön beunruhigt. Das sah aber auch ganz wild aus. Rot, ein Hubbel so gross und hoch, wie der Mount Everest und in der Mitte ein Ding, was aussah, wie ein Loch oder so … So als Nichtmediziner hätte ich mal auf Brasilienbienenstich getippt, doch so genau weiss man es nicht. Nachdem ich eine schlaflose Nacht hinter mich brachte, wagte ich es, am nächsten Tag mein Insektenaua einigen Kolleginnen zu zeigen. Von grossen Augen, Ausrufen, wie: „Nooossssaaaa!“, bis hin zu, ob ich denn wisse, welche gefährlichen Insekten hier zu Hause wären. Malaria, Gelbfieber, Dengue !!!
Ja, rein theoretisch könnte ich ja alles haben.
Eine Kollegin versucht mich zu beruhigen und meint, zumindest sei es ein langsam wirkendes Gift, ich wäre ja noch am Leben.
Irgendwann zu Beginn dieser Konversation habe ich beschlossen, dass mich dieser Stich das Leben kosten wird, doch nachdem die Kolleginnen sooooo nett zu mir sind, beschliesse ich, den herannahenden Tod durch Insektenstich noch eine Weile zu verschieben und damit einen günstigen Zeitpunkt abzuwarten … Vielleicht dann, wenn die Corinthians spielen, oder wenn es zum Mittagessen geht, vielleicht aber auch so kurz bevor die ins Wochenende wollen …

Ich bin mir sicher, es ist ein extrem langsam wirkendes Gift ist und so fasse ich mir ein Herz und begebe mich in das „Badezimmer“ der Firma und lege selber mal chirurgische Hand an. Mit meinem nichtgeschulten Blick meine ich zu erkennen, dass der Giftstachel noch immer in meiner Brust steckt. In Ermangelung verfügbarer Utensilien verzichte ich diesmal auf gründliche Desinfektion, bewaffne mit Kleenex und drücke an dem Stich rum, als ob es kein Morgen gäbe. Und tatsächlich, ich halte den Stachel in Händen. Gut, ich gebe zu, er ist viel zu klein zum Halten, aber er ruht da auf meinem Finger.

Die Wunde ist nun abgeheilt, offensichtlich das das versprühte Gift nicht zum Sterben gereicht und brauche nicht mehr in meine medizinischen Fähigkeiten zu zweifeln … Kleinere Operationen ab jetzt nur noch selbst.

Ach, und heute früh hat mich die liebe Petra ja wirklich so herzlich zum Lachen gebracht … Mit einer ausführlichen Mail bedankt sie sich für die Karten, die sie bekommen hat und berichtet dann – und lustigerweise kann ich mir das so richtig gut in echt vorstellen – dass sie die Karte mit ins Büro genommen, um dort zu zeigen, dass sie jemanden kennt, der sogar da wohnt !!!
Petra, sensationell !

Den Abschluss macht „ER“. Er fragt mich völlig unverhofft: „Du Jana, soll ich Dich am Mittwoch vom Flughafen abholen?“
Ich lehne zunächst mal ab, hebe es mir aber für ein anderes mal gerne auf … :-)

Jetzt wartet erstmal Winterwonderland Germany auf mich und wie mir scheint, hält es diesmal einige vorweihnachtlichen Überraschungen bereit …
Wir dürfen gespannt sein und euch halte ich auf dem Laufenden !!!

Gehabt Euch wohl,
Eure Jana

Mittwoch, 16. November 2011

Unsichtbar ...

… das bin ich !!!



Also, ich glaube, dass ich schon immer ein klein wenig unsichtbar war. Naja, vielleicht nicht ganz so unsichtbar, aber schwer zu sehen, evtl. auch leicht zu übersehen. Oder so.
Mir scheint, als wäre das schon immer so gewesen. Zumindest kommt es mir so vor, als sei es schon immer so gewesen. Gerade unlängst sagte mir ein Freund, den ich schon eine halbe Ewigkeit kenne, aber schon ewig nicht mehr gesehen habe, er habe mich damals (vor 21 !!!) nicht so gross wahrgenommen. Ein bisschen grösser dürfte ich heute wohl sein und dennoch – ich werde übersehen.

Wie komme ich darauf, unsichtbar zu sein?
Ganz einfach. Seit Wochen – ach, was sage ich – seit Monaten beobachte ich die Menschen, die mir tagtäglich auf dem Weg zur Arbeit und von der Arbeit begegnen. Sie begegnen mir auf dem Gehweg, auf der Strasse, an der Bushaltestelle, im Büro, im Fahrstuhl, im Supermarkt … Kurzum: Überall!

Der Gehweg.
Eine Strassenverkehrsordnung gibt es hier wohl nicht. Doch der Macht meiner Gewohnheit folgend – und schliesslich verkehrt man in St. Pauli auch rechterhand – halte auch mich eben auch immer an die rechte Seite des Gehwegs. Demzufolge sind meine Ausweichmöglichkeiten extrem limitiert. Ich kann halt mal nicht gerade eben auf die Hausmauer hüpfen, oder ein Teil der Hausfassade werden. Nein, das kann ich nicht. Und dennoch – der Brasilianer scheint zu erwarten, dass ich ich Platz mache. Mir ist bislang nur noch nicht klar geworden, wohin. Oft beobachte ich aber auch, dass meine Entgegenläufer Mitaufdemhandytippen beschäftigt sind und ihr Blick starr auf dem Bildschirmchen des Smartphone klebt, während sie mit einer Seelenruhe frontal in mich hineinlaufen.
Inzwischen habe ich mir angewöhnt, mich kurzzeitig einzufrieren und wie in Stein gemeisselt stehen zu bleiben. Was ich dafür ernte ich ein böser Blick und ein Grummeln.
Na dann obrigada.

Der Fahrstuhl.
Allein in dieser Woche sind mindestens, wenn nicht sogar noch mehr Leute entweder direkt vorwärts in mich hinein- und auf meinen grossen Onkel hinaufgelaufen. Tritt einem einer mit seinen Zehen auf den eigenen Zeh, ist das nicht soooo dramatisch. Tut zwar ein bisschen mehr aus, weil man trägt ja zuweilen offenes Schuhwerk. Richtig weh – also so richtig weh, dass man wirklich grosse Mühe hat, den Schemerzensschrei zu unterdrücken – tut es dann, wenn der Fahrstuhlmitfahrer oder auch -in rückwärts auf den Zeh trampelt.
Leichte Schürfwunden habe ich am linken Zeh bereits davon getragen.

Der Supermarkt.
Passend zum verschammarierten Zeh, wurden mir inzwischen die Versen „verschönert“. Schliesslich muss das eine zum anderen passen. Wie bitte schön kann man mich an der Kasse übersehen???? Ich stehe vor dem Menschen der nach mir bezahlen möchte und dennoch habe ich, wenn ich den Supermarkt verlasse, in mindestens einer Verse, meistens aber in beiden, den Abdruck des Einkaufswagens. Ich verstehe das einfach nicht.

Der Park.
Ich laufe schon Slalom, da ich den Walkern, die in die gleiche Richtung walken, in die ich jogge, und dennoch gibt Menschen, die von hinten in mich hineinlaufen oder mich einfach nur anrempeln. Entgegenkommende tun das nicht anders.

Im Büro.
Manch ein Zeitgenosse nimmt mich nur wahr, wenn ich Begleitung einer anderen Zeitgenossin bin oder aber ich im Besitz einer wichtigen Information bin, die u. U. Geteilt werden muss.

Die Bank.
Mein Cadastro ist noch immer nicht eröffnet und die Kohle auch noch nicht gutgeschrieben. Und warum? Weil ich ohne meine CPF noch unsichtbarer bin.

Und so laufen tagtäglich Menschen in und auf mich, ohne es wirklich wahrzunehmen ….
Doch dann war da der (Voll)Pfosten, in den ich heute gelaufen bin auch unsichtbar, weil ich damit beschäftgt war auf dem iPos rumzuklimpern …

Zum Glück sieht mich keiner … Dann stört der Blinker auf der Stirn dann auch nicht so sehr …

Gehabt euch wohl.
Eure Jana

Sonntag, 13. November 2011

Es ist mal wieder soweit ...

… arm wie ne Kirchenmaus!


„Über Geld spricht man nicht, man hat es!“
Und da ich nun mal keines habe, kann ich nun auch völlig und ungeniert darüber sprechen. Oder auch schreiben.

Meine Bank und ich – und gerade überlege ich, ob ich nicht den Blogtitel umbenennen soll. Nun gut. Ich geb mal einen kurzen Abriss darüber, wie ich hier meine Bankgeschichten zu erledigen pflege.

Nach der letzten „Fehlüberweisung“ - es wurden statt der transferierten Real, Euronen gutgeschrieben – war mein brasilenien-Konto ziemlich satt gefüllt. Ne ganze Weile konnte ich so richtig aus den Vollen schöpfen, hier das Kärtchen zücken, dort mal bar bezahlen und hier und dort mal ne Überweisung tätigen. Fairerweise muss ich gestehen, dass ich mir eben von mir selbst nur etwas Geld geliehen hatte und dieses natürlich wieder irgendwie von meinem deutschen Konto auf das brasilianische schaffen musste.

Und das geht in der Regel so.
Über e-Banking überweise ich mir Geld von einem dt. Konto auf ein anderes dt. Konto. Von diesem anderen dt. Konto kann ich überall auf der Welt – also auch hier in Brasilien – Real am Automaten ziehen, ohne dafür Gebühren zu zahlen. Und der Umrechnungskurs ist auch noch ziemlich gut.
Da ich allerdings mit jedem Zug am Automaten nur 800 Real bekomme, wiederhole ich den Vorgang entsprechend oft und stapfe dann mit 2,5 kg Real in der Hand zur Geldeinzahlundaufskontogutschreibstelle. Selbstverständlich tu ich das nicht an jedem x-beliebigen Geldautomaten, sondern direkt in der Bank, da man sich ja hier nicht mit viel Geld auf der Strasse bewegen sollte.
So habe ich nun wieder nach und meine Schulden bei mir selbst bezahlt und konnte die laufenden Zahlungen hier in Sampa auch wieder per Online-Banking erledigen.

Leider produziert mein Konto kein Geld automatisch nach, wenn der Sicherheitsbestand angebrochen wird und so musste ich wieder Antrag auf Nachschub stellen. Diesmal wollten wir einen neuen Versuch wagen, Real aus D nach BR zu bringen. Und die Gebühren sollte dann allerdings auch zu Lasten des Geldübersenders gehen, damit ich den sauberen Betrag bekomme, den ich hier brauche. Der Prozess läuft an und ich warte.

In der Zwischenzeit werden allerdings noch weitere Zahlungen fällig. Es sind Arztrechnungen. Und das ist hier irgendwie alles andere als billig. Und so bezahle ich die Zahnärztin, die mir den provisorischen Zahn mit einem weiteren Provisorium füllte. Der Allgemeinmediziner, bei dem ich vorstellig wurde, nachdem nach 10 Tagen Antibiotikum der Husten noch immer nicht besser wurde, musste auch bezahlt werden. Hinzu kommt, dass wir noch ein grosses Blutbild haben machen lassen und somit habe ich direkt am Tag der Blutentnahme unzählige Real im Labor liegen lassen.
Jetzt bin ich nur noch gespannt, ob mein Doc in Deutschland nun auch noch Geld für die telefonische Konsultation verlangt …

Lange Rede kurz. Ich hab für die Vorlagenausgaben mein Konto geplündert … Letzte Woche dann die Info, die Real seien auf dem Weg, wäre auch schon bei der Bank angekommen, doch es gäbe Probleme bei der Gutschrift, ich solle mich mal wieder mit der Bank in Verbindung setzen.
Gesagt, getan. Ich schreibe Pamela eine Mail. In Portugiesisch (!!!) Ich bin soooo stolz auf mich. Pamela allerdings antwortet nicht, sondern steht 1 Tag später bei uns im Büro. Sie hatte was zu erledigen und informiert bei dieser Gelegenheit, dass bei der Überweisung ein Vermerk dabei sei, den sie selbst nicht kenne und sie sich jetzt erst mal erkundigen muss und sie mir dann bescheid geben wird.
So ist es und wir können es nicht ändern. Vorsichtig frage ich an, ob wir das bis zum 21.11. gelöst kriegen, denn am 22.11. fliege ich nach D. Bis dahin sollte die Kohle auf dem Konto sein, denn am 01.12. muss ich die Miete bezahlen (wenn ich sie später bezahlen, muss ich Strafe zahlen) und da ich nach dem 21.11. keine Gelegenheit mehr habe, die Autorisierung zu unterschreiben, müssten wir das vorher machen, denn wenn wir das nicht tun, dann ist kein Geld da, ich kann keine Miete zahlen und stehe vermutlich dann schon mit einem Bein im Gefängnis.

Calma. Alles wird gut. Sie klingt zuversichtlich.
Ich lehne mich entspannt zurück und arbeite weiter.

Vergangenen Donnerstag ruft Priscilla an. Jetzt redet sie in Lichtgeschwindigkeit mit mir, was mich wieder ganz nervös macht. Die Bruchteile, die ich meine zu verstehen, gefallen mir gar nicht.
Nach einer Weile pendeln wir uns auf ein Sprachtempo ein, mit welchem wir beide können und ich bin endlich soweit, die Lücken zu schliessen, die sich beim ersten Informationsaustausch ergeben haben.
Priscilla erklärt mir, dass ein neues „Cadastro“ eröffnet werden muss, da ich eine Überweisung in einer Währung erhalten hätte, die ich bislang noch nicht erhalten hätte. Und damit die Gutschrift erfolgen kann, soll ich zunächst per Mail folgende Dokumente liefern:

  • CPF (meine brasilianische Steuernummer)
  • RNE (meine brasilianische Ausländernummer)
  • einen Gehaltsnachweis meiner Firma
  • Mietvertrag
  • Rechnung Strom/Wasser/Gas

Erst dann könne das „Cadastro“ eröffnet werden und die Real gutgeschrieben werden.
Und dann erfahre ich, dass es gar nicht möglich ist, Real zu überweisen bzw. Real direkt zu empfangen.
Und das geht wiederum so:
Real werden zunächst in Dollares konvertiert (selbstverständlich nicht, ohne Gebühren vom überwiesenen Betrag abzuziehen). Danach werden die Dollares in Reales umgerechnet und wieder fallen Gebühren an.

Das hätte uns mal jemand sagen können. Dann hätte ich mir den ganzen Real Überweisungs-Quatsch sparen können …
Jetzt ist die Sache noch immer nicht durch. Ich warte, bis ich endlich autorisieren darf und dann sehe ich weiter …

Bis dahin hoffe ich, dass man mir nicht wieder ne Kreditkarte oder so sperrt, damit ich wenigstens das Plastikgeld weiter nutzen kann …

Ein paar Monate bleiben mir ja hier noch … Mal sehen, was sich die Bank noch so einfallen lassen wird …

Gehabt euch wohl,
Eure Jana

Montag, 7. November 2011

Die Lebensgeister ...

… kehren zurück!



Von richtig gut ist mein Gesundheitszustand an diesem Morgen noch ca. 47,5 Meilen entfernt, doch zumindest geht es mir so gut, dass ich wieder schmerzfrei aufstehen und wieder reden kann. Im Miniaturbadezimmer machen wir uns nacheinander fertig und dann gehen wir erst mal frühstücken. Schinken, Käse, Toastbrot, Media Lunas …

Während des Frühstücks fragt die Freundin, ob wir denn für den Tag einen Plan haben. Einen was bitte? Ne, ne, einen Plan haben wir nicht. Zumindest noch nicht. Damit wir aber einen haben, brainstormen wir mal schnell und schon haben wir diverse Museen, einen Gletscher und dann noch weitere Museen auf dem neuen Programm.

Der Magen ist zufrieden, die Tasche schnell gepackt und schon geht’s raus in den Wind auf die Strasse. Wir stellen fest, dass Ushuaia um 1030 noch immer recht verschlafen ist und so grätschen wir erst mal beim Touristenzentrum ein, um a) noch den Ende der Welt Stempel für meinen Pass abzuholen und uns b) zu erkundigen, wo denn der Bus abfährt, mit welchem wir zum Gletscher Martial fahren wollen. Das war nämlich der Plan – oder zumindest ein Teil des Planes.
Die Dame von dem Touristen-Dingens breitet einen kleinen Stadtplan vor mir aus, dreht ihn so, dass er bei ihr Kopf steht und schon hat sie das Kreuzlein gesetzt, wo wir uns gerade befinden. Blitzschnell zieht sie ne Line von rechts nach links, dann von oben nach unten und dort, wo der weisse Platz ist, macht sie nen Kringel drum. Da steht nämlich der Bus. Auf dem weissen Platz. So schnell hätte ich das nicht malen können, denn ich hatte ja so schon Schwierigkeiten links von rechts zu unterscheiden, doch wo das Meer war bzw. ist, das wusste ich … Immer links.

Am weissen Platz angekommen fragen wir uns durch und ein teilweise zahnloser, etwas kräftiger Kleinbusfahrer meint, wir seien bei ihm GENAU richtig. Aha.
Und so klärt er uns darüber auf, dass wir zwar zum Gletscher fahren können, dort jedoch der Sessellift zu ist, es noch immer Schnee und Eis auf dem Wanderweg gibt und wir gut und gerne 4 km (!!!) bergauf laufen müssen. Also nicht nur bergauf, sondern auch noch steil dazu.
Ich beschliesse, für meinen angekratzten Gesundheitszustand ist das nichts. Piano wäre mir lieber. Und was sagt die Freundin? Bevor sie jedoch was sagen kann, brabbelt der Busfahrer aber weiter. Er, so meint er, würde uns ja die Laguna Esmeralda empfehlen. Jetzt kann ich mich nun wirklich nicht mehr daran erinnern, ob die Laguna auch Esmeralda heisst, doch es ging darum, dass das Wasser in dieser Laguna esmeraldafarben ist. Auf dem weissen Platz ist ein grosses Poster mit all den Bergen und Seen und Buchten und Canale Beagels zu sehen und er zeigt uns, wohin seine empfohlene Reise gehen sollte.
Selbstverständlich erwähnt er auch „Vale de Lobos“, wo Gato seine Schlittenhunde auf Privatgelände züchtet und wir über sein Privatgelände marschieren sollen.
Ausserdem, so fährt er fort, sei das alles „Tranqui-Tranqui“ in ca. 3 Stunden hin und retour zu erreichen. Mehrfach lasse ich mir versichern, dass das alles eben ist und nicht durch Schnee und Eis steil bergauf geht. Doch er beruhigt nur und beharrt eisern auf „Tranqui-Tranqui“.

Ganz tranqui-tranqui nehmen die Freundin und ich die Verhandlungen auf. Wir wägen das eine gegen das andere und nachdem die Essensfrage auch geklärt ist und wir noch Zeit haben, einen Abstecher in die kürzliche Entdecke Café-Museums-Bäckerei zu machen, stimmen wir der Lagune zu. Ein bisschen Bewegung, wenn auch an diesem wolkenverhangenen Tag, tut uns schliesslich auch gut und warm angezogen sind wir auch.

Ca. 20 km – vielleicht auch mehr oder auch weniger – vor den Toren Ushuaias biegen wir ein ein Waldstück ein. Nein, unheimlich ist mir nicht. Ich will gar nicht erst darüber nachdenken und schon steigen wir aus. Gato (dass er so heisst, erfahren wir erst später) sucht den Mini-Plan zur Lagune, wir müssen uns mit Namen und Telefonnummer etc. ins Buch eintragen – die Uhrzeit schreibt er auch mit auf – und unterschreiben. Nach einer kurze Einweisung, wie, was und wo, fällt sein Blick auf unser Schuhwerk. Was er wohl hat? Trekkingschuhe vom Allerfeinsten. Doch er verzieht leicht das Gesischt, meint, es könne unter Umständen etwas matschig werden, da der Schnee erst vor kurzem weggeschmolzen sei. Doch wenn wir im Slalom durch die Prärie laufen, müsste das schon gehen und wir sollten trockenen Fusses bei der Lagune ankommen.

Wir gehen los. Patagonische Steppe. Eine weitläufige karge und recht kahle Landschaft. Es nimmt kein Ende. Das ist ein bisschen wie Sao Paulo, nur ganz ohne Beton. Wohin man auch schaut, Steppe, Bäume, Patagonien. Die frische Luft tut gut. Mein Husten quängelt zwar noch, doch so tranqui-tranqui gehen ohne Steigung kann auch ich gut bewältigen. 






 
Allzuweit kommen wir nicht. Gerade noch springen wir über ein kleines Bächlein, was unseren Weg kreuzt und dann stehen wir da vor einem unglaublich grossen überfluteten, moosartigen, schwammigen Areal. Schon das Tippen mit der Fussspitze reicht aus, um festzustellen, dass man locker bis zum Knie in diesem Schlamassel versinken würde, würde man sich mit dem ganzen Körpergewicht draufstellen. Wir versuchen noch, uns am Rand dieses Moossumpfes entlangzuhangeln, doch das Gestrüpp und ein freies Feld an Überflutung hindern uns daran.

Schade. Etwas traurig ob des kurzen Ausflugs treten wir den Rückzug an, wohlwissend, wir haben alles versucht, doch es führte nun mal kein Weg daran vorbei.

Gato und sein Freund und Helfer sitzen gerade beim Mittagessen, als sie uns schon von Weitem kommen sehen. Die Fragezeichen auf ihren Gesichtern sind selbst auf die Entfernung zu erkennen. In lückenhaften Spanisch, mit Gebrauch der internationalen Gebärdensprache, erkläre ich, warum unsere Wanderung ein jähes Ende genommen hat. Wir schauen in zwei betroffene Gesichter und es ist ihnen anzusehen, wie leid es ihnen tut.
Plötzlich Aufruhr. Der Freund lässt Löffel, Gabel und Messer fallen, spritzt auf und rennt raus. Und ich sag noch zur Freundin: „Der geht jetzt Gummistiefel suchen!“ Irgendwie ist es uns unangenehmen, dass wir die Jungs beim Essen stören, doch das ist schnell vergessen, denn dann macht sich Gato auch noch auf den Weg. Kurze Zeit später stehen die Männers mit 2 Paar Gummistiefeln vor uns.
Gundula ist ne 37 und ich bin 39 (manchmal auch 40). Man überreicht uns ein Paar in 42 und eines in 44.
Was nicht passt, wird eben passend gemacht. Ich verlange nach Zeitungspapier und wir beginnen die Stiefel mit Papier auszustopfen. Zu diesem Zeitpunkt wollen wir uns über die Stiefel keine Gedanken machen. Wir wollen die Lagune sehen und dazu soll und das nun ausnahmsweise auch mal recht sein. Nur nicht weiterfragen … Das Zeitungspapier erfüllt nun auch 3 Zwecke:
a) da ist was Neutrales zwischen meinem Strumpf und dem Stiefel
b) das Zeitungspapier hält den Fuss warm
c) der Stiefel passt besser, da das Papier wie ne Einlage ist.
Tschakka. Wir stiefeln wieder los.

Das Aus kommt fast wieder an der gleichen Stelle. Wie die Freundin das gemacht weiss ich nicht, doch sie enttdeckt das Loch in meinem Stiefel. Direkt in dem Knick am Fussrücken. Dort prangt ein Loch. Ein Loch, was mich ganz schön nass hätte aussehen lassen … Ja so macht das natürlich keinen Sinn. Wir brauchen das noch nicht mal versuchen, denn dann hätte ich ja auch mit meinem Halbschuh durch die schwimmende Prärie laufen können.
Ein zweites Mal an diesem Tag treten wir den Rückzug an.
Die Jungs sind noch immer am Essen und die Fragezeichen sind nun noch grösser, als beim ersten Mal. Bevor wir jedoch die gute Stube betreten, bleib ich draussen stehen, denn Gesten sagen mehr als 1.000 Worte. Ich zieh den Stiefel aus, steck den Finger von innen nach aussen … Das Gelächter ist gross.

Gato und der Kumpel kommen nach draussen gelaufen. So schnell, wie der Kollege seine Stiefel aus hat, kann ich gar nicht schauen. Die Zeitung ist auch gleich wieder parat, im Ausstopfen bin ich ja jetzt geübt und wir machen uns ein drittes Mal auf den Weg.
Man höre und staune. Wir schaffen es, die erste Hürde zu nehmen und überqueren in den übergrossen Gummistiefeln die überflutete Mooslandschaft. Hier ne kleine Brücke, dort ein kleines Bächlein. Die Steppe wird noch steppenhafter, die Bäume werden teilweise grösser und wir treten in einen kleinen Wald ein. Die Zeichen an den Bäumen, die uns den Weg weisen sollen, sind gut angebracht und so geht es zügig weiter. 
 
Gundula hat ja auch immer ganz lustige und spontane Ideen und so entfährt ihr: „Ganz schön leichtsinning von uns. Jetzt haben wir unsere Schuhe zurückgelassen. Vielleicht sind die beiden Schuhsammelmörder!“ Schön, dass sie uns dann doch erst mal haben davontraben lassen. Sie sprach es und währen wir so so weiter gehen ertönt von Weitem das Geräusch einer Kettensäge. Jungejunge, jetzt schiessen einem erst recht verrückte Gedanken durch den Kopf, wenn weit und breit so rein gar nichts mehr ist. Und wenn man so überhaupt keinen Handyempfang hat. Und vor allem wenn man so leise bei sich denkt, dass man hier in der Gegend noch nicht mal tot über'm Gartenzaun hängen würde wollen. Der Gedanke, dass uns nach einer Weile dann doch vielleicht mal jemand vermissen und man uns hier finden würde, tröstet mich ein klein wenig.
Wir wandern weiter durch den Wald. Immer wieder bleiben wir stehen und geniessen den Blick auf die Weite dieses Landes. Doch ab und an müssen wir auch das Gelände erkunden, denn leider geht es durch den Schlamm und Matsch nicht immer geradeaus und wir müssen uns den bestmöglichen Weg durch Schlammlandschaft suchen. 


 

Der Typ mit der Kettensäge begegnet uns kurze Zeit darauf. Nach einem „Buenos Dias“ folgt Small-Talk. Wir berichten, dass wir zur Lagune wollen, er teilt uns mit, dass er den Weg zur Lagune freigesägt hat. Bingo … ! Jetzt haben wir freien Gang und können bald ins Esmeralda-Wasser blicken. Wir machen uns weiter auf den Weg, der langsam aber sicher immer beschwerlicher wird. Inzwischen ist es aus mit „nur eben weitergehen“. Nein, es geht steil nach oben. Welch ein Glück, dass wir uns nicht zur Gletscher-Besteigung aufgemacht haben!
Wer hat eigentlich diesen Scheiss-Trip gebucht?
Es geht immer nur noch bergauf. Ich pfeif schon aus dem letzten Loch und Gundula meint nur: „Lass mich zurück, allein kannst Du es schaffen!“ Dieser Satz sollte beiden von noch mehrfach über die Lippen kommen. Wir quälen uns nach oben und irgendwann stehen wir wieder auf geradem Boden. Das Ende des Waldes ist erreicht – zumindest wenn man rechts rum schaut. Schaut man links rum, geht der Wald weiter. Anstatt mal auf den Plan zu schauen, vermuten wir einfach mal, dass hinter dem vor uns liegenden Anstieg dann auch die Lagune sein muss. Der Wind wird immer rauher, das zu überquerende Feld ist genauso schwammig und moosig, wie das erste. Und es geht steil nach oben. Wollen wir umkehren? Nichts da. Zähne hoch und den Kopf zusammenbeissen !!! Das schaffen wir! Check.
Hinter dem Hügel ist sie bestimmt, die Lagune. 
 
Wir kommen oben an und was sich uns bietet, ist ein Anblick des Grauens. Die Steppe geht weiter … Sack und Asche. Die haben uns doch verdingst. Die veräppeln die Touris die ganze Zeit. Von wegen, das gibt’s ne Lagune. Gundula war der Meinung, dass die grosse Pfütze im Wald schon die Lagune gewesen sei. Nur das mit Esmeralda, das passte nicht ganz.
Es geht wirklich nicht mehr weiter. Einfach so über's freie Feld zu laufen wäre verantwortungslos, gefährlich, nicht einschätzbar gewesen. Dieses Risiko wollten wir nicht auf uns nehmen und so drehen wir um und stochern wieder zurück. Das Ende unserer Kräfte ist erreicht. Wir können nicht mehr. Mal ganz davon abgesehen, dass ich noch immer belle wie ein grosser Schäferhund, nein, meine Klamotten sind unter meiner Funktionswäsche schweissdurchtränkt. Der peitscht inzwischen kräftig gegen meinen Windbreaker. Die Mütze fest über'n Kopf gezogen geht’s wieder zurück durch den Wald. Immer schön den Zeichen nach.

Das Waldstück hat was von Blair Witch Project. Unheimlich isses …

Es ärgert mich, dass wir die Lagune nicht gesehen haben. Tranqui-Tranqui sind wir gut und gerne 4 Stunden unterwegs gewesen, hatten Mordsspass, allerdings ohne Lagune.
Wir überlegen, ob wir „beichten“ sollen, oder ob wir vorgeben sollen, sie gesehen zu haben. Doch stellt euch mal vor, wie das ausgesehen hätte, wir hätten gesagt, wir haben sie gesehen, dabei wissen die, dass es die Lagune gar nicht gibt. Nein, das wollten wir auch nicht. Und so geben wir vor Gato und dem Freund zu, dass wir die Lagune nicht haben finden können. Wir schildern nochmal wie wir gelaufen sind und dabei entdecken wir auch den Fehler im System. Dort, wo der Wald linksrum weiter ging, sind wir rechts gelaufen. Wir hätten links bleiben müssen und wären dann ans Ziel gekommen.

Nichts desto weniger, wir hatten Spass, haben die Wanderung genossen und haben uns zur Feier des Tages dann erst mal ein Bier gegönnt. Der Busfahrer hat uns dann auch wieder abgeholt und sogar am Hotel abgesetzt. Jetzt erst mal duschen und fein machen. Die Strümpfe dieses Tages jedoch sind am Ende ihrer Reise angekommen. Sie wanderten in den Mülleimer.

So verging der letzte Tag am Ende der Welt. Ein Feierabendbier bevor es am nächsten Tag nach dem Schinken-Käse-Media Luna-Frühstück nach Buenos Aires gehen sollte …

Und Gundula packt ihren Koffer wieder aus und wieder neu ein …

Gehabt euch wohl,
Eure Jana.

Donnerstag, 3. November 2011

Am Ende ...

… am Ende der Welt !



Selbstverständlich nehmen wir nicht Abschied von El Calafate, ohne dass Gundula ihren Koffer komplett wieder neu gepackt hat und zu diesem Zeitpunkt noch immer Bedenken äusserte, dass ihre Klamotten nicht reichen würden …
Auch erwähnte ich nicht, dass in El Calafate echte Flamingos leben, also jene, die ich bislang immer nur aus dem Zoo kannte … Die standen da einfach im kniehohen Wasser. Was sie taten, weiss ich nicht, doch schön anzusehen war's.

Schade. Der 16.10. kam viel zu schnell. Ich glaube, wir wären beide gerne noch länger geblieben und hätten sicher gerne noch mal die ein oder andere CD gekauft. Doch dazu war nun wirklich keine Zeit mehr, denn wir mussten zum Flughafen.

Irgendwie scheint Aerolineas sich verbessert zu haben oder es lag schlicht und ergreifend daran, dass wir uns in kleinen Käffern irgendwo in der Prärie befanden und somit war es ohne grössere Probleme möglich, die Abfertigung beim Check-In durchzuführen. Wir beziehen unsere Plätze und freuen uns, dass es diesmal nur ein sehr kurzer Flug von nur einer Stunde ist. Dass es die schlimmst Stunde unseres Lebens werden sollte, sollten wir bald am eigenen Leib erfahren, Gundula sogar in doppelter Hinsicht.

Selbst auf diesem kurzen Flug reicht uns die Fluggesellschaft Essen und trinken. Diesmal keine Box, sondern ein Plastikbeutel, der einen Müsliriegel, einen Saft und das Karamellbonbon beherbergt. Ich trinke nur, denn mein Husten macht mir noch immer sehr zu schaffen, das Essen packe ich für schlechte Zeiten ein. Kaum ist alles verteilt, erklingt auch schon der Bing, dass wir uns wieder anschnallen sollen. Und just in diesem Moment fangen die Turbulenzen an. Der Pilot scheint spiralförmig zur Landung anzusetzen. Es scheppert. Es wackelt. Es hat Luftlöcher. Wir werden zusehends blasser und die Turbulenzen zusehends stärker. Irgendwie scheint der Flieger auch nicht langsamer zu werden, sondern schneller. Es ist verwirrend, es ist verquer.
Gundula und ich schauen uns an und ich selbst weiss nicht so recht, was tun, was denken. Mein Magen dreht sich mehrfach von oben nach unten, von innen nach aussen und dann reicht mir Gundula ihre Hand. Ich glaube, wir dachten beide, dass es das jetzt gewesen sei … Dass wir zwar unten ankommen, das Ende der Welt jedoch nicht mehr erleben werden. Nach einer gefühlten Ewigkeit hat die Horrorlandung endlich ein Ende, ich gebe Gundula ihre Hand zurück, allerdings nicht, ohne mich für die Ewigkeit darin verewigt zu haben. Offensichtlich war hier höhere Gewalt im Spiel, ich konnte mich nicht kontrollieren und habe ihr meine Fingernägel so dermassen ins Fleisch gerammt, dass die Spuren noch Stunden später zu sehen waren.
Glücklicherweise hat's auch am Ende der Welt Boden unter den Füssen und unabhängig voneinander haben wir uns wohl gefragt, wer eigentlich diesen Scheiss-Trip gebucht hat. Doch jetzt waren wir da und so schnell konnte wir nicht weg, denn ziemlich zeitgleich, als die Farbe wieder in unsere Gesichter zurückkehrte, verkündete ein Flughafenangestellter, dass unsere Maschine die letzte war, die heute landete. Alle weiteren Starts wurden ebenfalls gestrichen.
Und da sassen wir nun.

Irgendjemand – ich weiss nicht mehr, ob es Männlein oder Weiblein war – wartete wieder auf uns und brachte uns zum Hotel. Von aussen ganz fein anzusehen, innen auch und dann war wohl das Ende der Welt auch im Zimmer 403 angekommen. Offensichtlich gibt es dort nicht so viel Platz und davon kann man besonders viel im Bad (ohne Fenster) einsparen. Der Rest des Zimmers war auch nicht grösser, es war total überhitzt, doch die Betten waren bequem. Ich glaube, es muss auch in Ushuaia passiert sein. Ich kaue – vermutlich auf nem Kaugummi – und merke, dass irgendwas knirscht. Mir schwant übles. Der Blick in den Spiegel bestätigt, was ich vermutete. Ein Stück meines in Brasilien wurzelbehandelten und aufbaugefüllten Zahns ist abgebrochen. Die Aufbaufüllung selbst lässt sich mit dem Fingernagel anheben und wenn ich weiter daran rumgespielt hätte, dann hätte ich das alles rausnehmen können. Das hab ich aber mal besser gelassen und überlegte, was ich denn nun tun solle. Da sitzt man nun mit einem abgebrochenen Zahn und einer nicht besser werden wollenden Erkältung am Ende der Welt und die Flieger gehen gerade mal so gar nicht.
Natürlich hab ich die SOS Nummer nicht dabei und rufe in meiner Verzweiflung erst mal bei der Ambulanz in LU an, schliesslich sind auch die 24/7 zur Stelle. Dort werde ich weitergeholfen und schildere meine Problem der SOS Hotline. Ich kürze an dieser Stelle ab: Innerhalb von 48 Stunden habe ich die Rückmeldung erhalten, dass ich bei 2 deutschsprachigen Zahnärzten in Buenos Aires einen Termin habe und mich dort melden kann. Welch ein Service … Jetzt gilt es nur noch zu hoffen, dass das Ding nicht vollends rausbricht.

Ushuaia. 
Wer hat eigentlich diesen Scheiss-Trip gebucht? Ja nun, was wollen wir eigentlich hier? Ohne darüber gesprochen zu haben, wir wollten beide weg. Wir wollten beide nicht da bleiben, zumal wir nichts, aber auch gar nichts damit anfangen konnten. Meine Erkältung auch nicht, denn die hatte beschlossen, schlimmer zu werden. So beschlossen wir, zunächst mal eine Siesta einzulegen, bevor wir den Ort erkunden gehen.

Da mir beim Schlafen immer irgendwie kalt wird und das Bett nur mit einem dünnen Laken bestückt ist, suche ich im Schrank nach einer weiteren Decke, welche ich auch finde. Es ist aber nur eine da und wir haben 2 Betten. Und so bleibt mir nichts anderes übrig, als für die Freundin noch eine Decke zu bestellen. Doch was heisst Decke auf Spanisch???
Schavier ist per Blackberry Messenger nicht mehr erreichbar und so bleibt nur noch das Smartphone, WiFi und Herr Google. Ich suche. Ich finde. Ich rufe bei der Rezeption an. Der nette Mann fragt, was er tun kann, ich nenne Namen und Zimmernummer und dann verwechsle ich Cojin und Colchon. Ersteres wäre das Kissen, zweiteres die Matratze. Und so bestelle ich für Gundula ganz selbstverständlich eine Matratze. Der Mann fragt 4 mal nach, was ich denn haben will und ich bestätige immer wieder, dass ich ein colchon haben möchte. Nach endlosen Minuten klärt sich das Missverständnis, wir lachen und Gundula bekommt in der Tat eine Decke und keine Matratze.

Der Ort ist schnell erkundet. Wir finden den Supermarkt, decken uns mit Essen und Trinken ein und begeben uns langsam wieder zurück ins Hotel. Vorher jedoch stoppen wir noch und trinken erst mal was Warmes und während Gundula ein lekkeres Sandwich isst, fröne ich meiner Lust und esse ein Eis, welches ich allerdings nicht schmecke, da sich meine Geschmacksnerven verabschiedet haben.

Man höre und staune, am nächsten Morgen gibt es zum Frühstück: Käse, Schinken, Media Lunas, kein Ei, Toastbrot! Wer meckert, kommt ins Heim und somit lassen wir's und freuen uns auf unseren Guide, der lt. Gundula Daniel heisst und uns ein bisschen was über das Ende der Welt erzählen wird. Wenige Minuten später entpuppt sich Daniel als „Sabbel-Leni“, deren jedes zweite Wort: Canale Beagel ist. Gundula meint, wenn Sabbel-Leni mal stirbt, müsse sie nochmal erschlagen werden, damit sie aufhört zu sabbeln. Böse ist das, aber sie hat recht.

Wir erreichen den Nationalpark. Der Tag scheint nicht wirklich unser beider Freund zu werden, doch wir machen gute Miene zum lustlosen Spiel. An der Bahnstation am Ende der Welt, kann die Freundin noch nicht mal ein Zugticket für den „End-of-The-World-Train“ kaufen. Das übernehme kurzerhand ich, wir pflanzen uns in einen der freien Waggons und schon geht’s los. 
Leni ist zum Glück nicht dabei, dafür schreit ne andere ins Mikro, kurz danach tönt ein anderer in gefühlten 8 Fremdsprachen aus dem Lautsprecher und überhaupt ist alles schrecklich laut.

Ich sehe Steppe. Patagonische Steppe. Dort, wo früher mal ein Wald war, ist jetzt nur noch ein Waldfriedhof. 
Wenn doch wenigstens die Sonne scheinen würde, würde dies nicht nur diese Einöde etwas freundlicher erstrahlen lassen, nein, vielleicht wäre auch meine Laune irgendwie ein bisschen besser.
Wir machen halt an der ersten Station. Plötzlich ist die Freundin weg. Ich schau nach links, dann nach rechts und entdecke sie im Abseits. Während ich noch immer nach der optimalen Einstellung meiner Kamera suche, ist sie schon wieder ein paar Schritte weiter. Wir schauen uns um, schauen uns an, schauen die anderen an und gehen wieder zurück zum Zug. Wir sollten wieder die gleichen Plätze einnehmen, die wir vorher schon hatten. Gerade, als ich motzen wollte, dass da fremde Menschen in „meinem“ Abteil sitzen, macht sich die Freundin bemerkbar und signalisiert mir, dass ich auf dem falschen Dampfer bin.
Wir setzen uns sie meint: „Heute ist der Tag, an dem ich Menschen nicht mag!“

Es ist offensichtlich. Es geht uns nicht gut. Wir wollen raus hier. Jetzt. Gleich. Sofort. Doch erst müssen wir noch die Fahrt bis zum Ende durchhalten, dann noch eine Mini-Wanderung durch Wiesen und Felder überstehen und dann endlich dürfen wir wieder im Mini-Bus zurück zum Hotel fahren.
Weder über Los gehen, noch ziehen wir irgendwo 4.000 nochwas Peso ein. Nein, ohne Umwege steigen wir in den Fahrstuhl, fahren ins 4. OG und brechen dort trotz allen Unwohlseins vor Lachen fast zusammen. Lehnt da nicht fast direkt vor unserem Zimmer ein COLCHON???
Ich bin nur noch fähig, die Klamotten gegen den Schlafanzug zu tauschen und schon sind wir beiden eingeschlafen und wachen erst 4 Stunden später wieder auf …

Viel zu tun gibt es nicht mehr, denn Ushuaia geht fast schon wieder schlafen. Wir hingegen gönnen uns in der „Banane“ noch ein Aufwachbier, welches uns allerdings wieder so müde macht, dass wir fast schon hinterm Tresen wieder einschlafen …
Schlussendlich träumen wir uns in den neuen Tag und rückblickend betrachtet ist es manchmal gar nicht so schlecht, wenn man nicht weiss, was einen so alles erwartet …

Am 18.10.2011 erwacht ein neuer Tag und das Abenteuer am Ende der Welt geht weiter …

Gehabt euch wohl,
Eure Jana