… am Ende der Welt !
Selbstverständlich nehmen wir nicht Abschied von El Calafate, ohne dass Gundula ihren Koffer komplett wieder neu gepackt hat und zu diesem Zeitpunkt noch immer Bedenken äusserte, dass ihre Klamotten nicht reichen würden …
Auch erwähnte ich nicht, dass in El Calafate echte Flamingos leben, also jene, die ich bislang immer nur aus dem Zoo kannte … Die standen da einfach im kniehohen Wasser. Was sie taten, weiss ich nicht, doch schön anzusehen war's.
Schade. Der 16.10. kam viel zu schnell. Ich glaube, wir wären beide gerne noch länger geblieben und hätten sicher gerne noch mal die ein oder andere CD gekauft. Doch dazu war nun wirklich keine Zeit mehr, denn wir mussten zum Flughafen.
Irgendwie scheint Aerolineas sich verbessert zu haben oder es lag schlicht und ergreifend daran, dass wir uns in kleinen Käffern irgendwo in der Prärie befanden und somit war es ohne grössere Probleme möglich, die Abfertigung beim Check-In durchzuführen. Wir beziehen unsere Plätze und freuen uns, dass es diesmal nur ein sehr kurzer Flug von nur einer Stunde ist. Dass es die schlimmst Stunde unseres Lebens werden sollte, sollten wir bald am eigenen Leib erfahren, Gundula sogar in doppelter Hinsicht.
Selbst auf diesem kurzen Flug reicht uns die Fluggesellschaft Essen und trinken. Diesmal keine Box, sondern ein Plastikbeutel, der einen Müsliriegel, einen Saft und das Karamellbonbon beherbergt. Ich trinke nur, denn mein Husten macht mir noch immer sehr zu schaffen, das Essen packe ich für schlechte Zeiten ein. Kaum ist alles verteilt, erklingt auch schon der Bing, dass wir uns wieder anschnallen sollen. Und just in diesem Moment fangen die Turbulenzen an. Der Pilot scheint spiralförmig zur Landung anzusetzen. Es scheppert. Es wackelt. Es hat Luftlöcher. Wir werden zusehends blasser und die Turbulenzen zusehends stärker. Irgendwie scheint der Flieger auch nicht langsamer zu werden, sondern schneller. Es ist verwirrend, es ist verquer.
Gundula und ich schauen uns an und ich selbst weiss nicht so recht, was tun, was denken. Mein Magen dreht sich mehrfach von oben nach unten, von innen nach aussen und dann reicht mir Gundula ihre Hand. Ich glaube, wir dachten beide, dass es das jetzt gewesen sei … Dass wir zwar unten ankommen, das Ende der Welt jedoch nicht mehr erleben werden. Nach einer gefühlten Ewigkeit hat die Horrorlandung endlich ein Ende, ich gebe Gundula ihre Hand zurück, allerdings nicht, ohne mich für die Ewigkeit darin verewigt zu haben. Offensichtlich war hier höhere Gewalt im Spiel, ich konnte mich nicht kontrollieren und habe ihr meine Fingernägel so dermassen ins Fleisch gerammt, dass die Spuren noch Stunden später zu sehen waren.
Glücklicherweise hat's auch am Ende der Welt Boden unter den Füssen und unabhängig voneinander haben wir uns wohl gefragt, wer eigentlich diesen Scheiss-Trip gebucht hat. Doch jetzt waren wir da und so schnell konnte wir nicht weg, denn ziemlich zeitgleich, als die Farbe wieder in unsere Gesichter zurückkehrte, verkündete ein Flughafenangestellter, dass unsere Maschine die letzte war, die heute landete. Alle weiteren Starts wurden ebenfalls gestrichen.
Und da sassen wir nun.
Irgendjemand – ich weiss nicht mehr, ob es Männlein oder Weiblein war – wartete wieder auf uns und brachte uns zum Hotel. Von aussen ganz fein anzusehen, innen auch und dann war wohl das Ende der Welt auch im Zimmer 403 angekommen. Offensichtlich gibt es dort nicht so viel Platz und davon kann man besonders viel im Bad (ohne Fenster) einsparen. Der Rest des Zimmers war auch nicht grösser, es war total überhitzt, doch die Betten waren bequem. Ich glaube, es muss auch in Ushuaia passiert sein. Ich kaue – vermutlich auf nem Kaugummi – und merke, dass irgendwas knirscht. Mir schwant übles. Der Blick in den Spiegel bestätigt, was ich vermutete. Ein Stück meines in Brasilien wurzelbehandelten und aufbaugefüllten Zahns ist abgebrochen. Die Aufbaufüllung selbst lässt sich mit dem Fingernagel anheben und wenn ich weiter daran rumgespielt hätte, dann hätte ich das alles rausnehmen können. Das hab ich aber mal besser gelassen und überlegte, was ich denn nun tun solle. Da sitzt man nun mit einem abgebrochenen Zahn und einer nicht besser werden wollenden Erkältung am Ende der Welt und die Flieger gehen gerade mal so gar nicht.
Natürlich hab ich die SOS Nummer nicht dabei und rufe in meiner Verzweiflung erst mal bei der Ambulanz in LU an, schliesslich sind auch die 24/7 zur Stelle. Dort werde ich weitergeholfen und schildere meine Problem der SOS Hotline. Ich kürze an dieser Stelle ab: Innerhalb von 48 Stunden habe ich die Rückmeldung erhalten, dass ich bei 2 deutschsprachigen Zahnärzten in Buenos Aires einen Termin habe und mich dort melden kann. Welch ein Service … Jetzt gilt es nur noch zu hoffen, dass das Ding nicht vollends rausbricht.
Ushuaia.
Wer hat eigentlich diesen Scheiss-Trip gebucht? Ja nun, was wollen wir eigentlich hier? Ohne darüber gesprochen zu haben, wir wollten beide weg. Wir wollten beide nicht da bleiben, zumal wir nichts, aber auch gar nichts damit anfangen konnten. Meine Erkältung auch nicht, denn die hatte beschlossen, schlimmer zu werden. So beschlossen wir, zunächst mal eine Siesta einzulegen, bevor wir den Ort erkunden gehen.
Da mir beim Schlafen immer irgendwie kalt wird und das Bett nur mit einem dünnen Laken bestückt ist, suche ich im Schrank nach einer weiteren Decke, welche ich auch finde. Es ist aber nur eine da und wir haben 2 Betten. Und so bleibt mir nichts anderes übrig, als für die Freundin noch eine Decke zu bestellen. Doch was heisst Decke auf Spanisch???
Schavier ist per Blackberry Messenger nicht mehr erreichbar und so bleibt nur noch das Smartphone, WiFi und Herr Google. Ich suche. Ich finde. Ich rufe bei der Rezeption an. Der nette Mann fragt, was er tun kann, ich nenne Namen und Zimmernummer und dann verwechsle ich Cojin und Colchon. Ersteres wäre das Kissen, zweiteres die Matratze. Und so bestelle ich für Gundula ganz selbstverständlich eine Matratze. Der Mann fragt 4 mal nach, was ich denn haben will und ich bestätige immer wieder, dass ich ein colchon haben möchte. Nach endlosen Minuten klärt sich das Missverständnis, wir lachen und Gundula bekommt in der Tat eine Decke und keine Matratze.
Der Ort ist schnell erkundet. Wir finden den Supermarkt, decken uns mit Essen und Trinken ein und begeben uns langsam wieder zurück ins Hotel. Vorher jedoch stoppen wir noch und trinken erst mal was Warmes und während Gundula ein lekkeres Sandwich isst, fröne ich meiner Lust und esse ein Eis, welches ich allerdings nicht schmecke, da sich meine Geschmacksnerven verabschiedet haben.
Man höre und staune, am nächsten Morgen gibt es zum Frühstück: Käse, Schinken, Media Lunas, kein Ei, Toastbrot! Wer meckert, kommt ins Heim und somit lassen wir's und freuen uns auf unseren Guide, der lt. Gundula Daniel heisst und uns ein bisschen was über das Ende der Welt erzählen wird. Wenige Minuten später entpuppt sich Daniel als „Sabbel-Leni“, deren jedes zweite Wort: Canale Beagel ist. Gundula meint, wenn Sabbel-Leni mal stirbt, müsse sie nochmal erschlagen werden, damit sie aufhört zu sabbeln. Böse ist das, aber sie hat recht.
Wir erreichen den Nationalpark. Der Tag scheint nicht wirklich unser beider Freund zu werden, doch wir machen gute Miene zum lustlosen Spiel. An der Bahnstation am Ende der Welt, kann die Freundin noch nicht mal ein Zugticket für den „End-of-The-World-Train“ kaufen. Das übernehme kurzerhand ich, wir pflanzen uns in einen der freien Waggons und schon geht’s los.
Leni ist zum Glück nicht dabei, dafür schreit ne andere ins Mikro, kurz danach tönt ein anderer in gefühlten 8 Fremdsprachen aus dem Lautsprecher und überhaupt ist alles schrecklich laut.
Ich sehe Steppe. Patagonische Steppe. Dort, wo früher mal ein Wald war, ist jetzt nur noch ein Waldfriedhof.
Wenn doch wenigstens die Sonne scheinen würde, würde dies nicht nur diese Einöde etwas freundlicher erstrahlen lassen, nein, vielleicht wäre auch meine Laune irgendwie ein bisschen besser.
Wir machen halt an der ersten Station. Plötzlich ist die Freundin weg. Ich schau nach links, dann nach rechts und entdecke sie im Abseits. Während ich noch immer nach der optimalen Einstellung meiner Kamera suche, ist sie schon wieder ein paar Schritte weiter. Wir schauen uns um, schauen uns an, schauen die anderen an und gehen wieder zurück zum Zug. Wir sollten wieder die gleichen Plätze einnehmen, die wir vorher schon hatten. Gerade, als ich motzen wollte, dass da fremde Menschen in „meinem“ Abteil sitzen, macht sich die Freundin bemerkbar und signalisiert mir, dass ich auf dem falschen Dampfer bin.
Wir setzen uns sie meint: „Heute ist der Tag, an dem ich Menschen nicht mag!“
Es ist offensichtlich. Es geht uns nicht gut. Wir wollen raus hier. Jetzt. Gleich. Sofort. Doch erst müssen wir noch die Fahrt bis zum Ende durchhalten, dann noch eine Mini-Wanderung durch Wiesen und Felder überstehen und dann endlich dürfen wir wieder im Mini-Bus zurück zum Hotel fahren.
Weder über Los gehen, noch ziehen wir irgendwo 4.000 nochwas Peso ein. Nein, ohne Umwege steigen wir in den Fahrstuhl, fahren ins 4. OG und brechen dort trotz allen Unwohlseins vor Lachen fast zusammen. Lehnt da nicht fast direkt vor unserem Zimmer ein COLCHON???
Ich bin nur noch fähig, die Klamotten gegen den Schlafanzug zu tauschen und schon sind wir beiden eingeschlafen und wachen erst 4 Stunden später wieder auf …
Viel zu tun gibt es nicht mehr, denn Ushuaia geht fast schon wieder schlafen. Wir hingegen gönnen uns in der „Banane“ noch ein Aufwachbier, welches uns allerdings wieder so müde macht, dass wir fast schon hinterm Tresen wieder einschlafen …
Schlussendlich träumen wir uns in den neuen Tag und rückblickend betrachtet ist es manchmal gar nicht so schlecht, wenn man nicht weiss, was einen so alles erwartet …
Am 18.10.2011 erwacht ein neuer Tag und das Abenteuer am Ende der Welt geht weiter …
Gehabt euch wohl,
Eure Jana
Auweh! Turbulenzen, überhitzte Hotelzimmer mit ohne Platz, böser Husten, genauso böse Zahnfüllung, und dann auch noch Sabbel-Lena statt Daniel oder einer der anderen lekkeren Einheimischen. In der Tat das Ende der Welt...
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