Montag, 7. November 2011

Die Lebensgeister ...

… kehren zurück!



Von richtig gut ist mein Gesundheitszustand an diesem Morgen noch ca. 47,5 Meilen entfernt, doch zumindest geht es mir so gut, dass ich wieder schmerzfrei aufstehen und wieder reden kann. Im Miniaturbadezimmer machen wir uns nacheinander fertig und dann gehen wir erst mal frühstücken. Schinken, Käse, Toastbrot, Media Lunas …

Während des Frühstücks fragt die Freundin, ob wir denn für den Tag einen Plan haben. Einen was bitte? Ne, ne, einen Plan haben wir nicht. Zumindest noch nicht. Damit wir aber einen haben, brainstormen wir mal schnell und schon haben wir diverse Museen, einen Gletscher und dann noch weitere Museen auf dem neuen Programm.

Der Magen ist zufrieden, die Tasche schnell gepackt und schon geht’s raus in den Wind auf die Strasse. Wir stellen fest, dass Ushuaia um 1030 noch immer recht verschlafen ist und so grätschen wir erst mal beim Touristenzentrum ein, um a) noch den Ende der Welt Stempel für meinen Pass abzuholen und uns b) zu erkundigen, wo denn der Bus abfährt, mit welchem wir zum Gletscher Martial fahren wollen. Das war nämlich der Plan – oder zumindest ein Teil des Planes.
Die Dame von dem Touristen-Dingens breitet einen kleinen Stadtplan vor mir aus, dreht ihn so, dass er bei ihr Kopf steht und schon hat sie das Kreuzlein gesetzt, wo wir uns gerade befinden. Blitzschnell zieht sie ne Line von rechts nach links, dann von oben nach unten und dort, wo der weisse Platz ist, macht sie nen Kringel drum. Da steht nämlich der Bus. Auf dem weissen Platz. So schnell hätte ich das nicht malen können, denn ich hatte ja so schon Schwierigkeiten links von rechts zu unterscheiden, doch wo das Meer war bzw. ist, das wusste ich … Immer links.

Am weissen Platz angekommen fragen wir uns durch und ein teilweise zahnloser, etwas kräftiger Kleinbusfahrer meint, wir seien bei ihm GENAU richtig. Aha.
Und so klärt er uns darüber auf, dass wir zwar zum Gletscher fahren können, dort jedoch der Sessellift zu ist, es noch immer Schnee und Eis auf dem Wanderweg gibt und wir gut und gerne 4 km (!!!) bergauf laufen müssen. Also nicht nur bergauf, sondern auch noch steil dazu.
Ich beschliesse, für meinen angekratzten Gesundheitszustand ist das nichts. Piano wäre mir lieber. Und was sagt die Freundin? Bevor sie jedoch was sagen kann, brabbelt der Busfahrer aber weiter. Er, so meint er, würde uns ja die Laguna Esmeralda empfehlen. Jetzt kann ich mich nun wirklich nicht mehr daran erinnern, ob die Laguna auch Esmeralda heisst, doch es ging darum, dass das Wasser in dieser Laguna esmeraldafarben ist. Auf dem weissen Platz ist ein grosses Poster mit all den Bergen und Seen und Buchten und Canale Beagels zu sehen und er zeigt uns, wohin seine empfohlene Reise gehen sollte.
Selbstverständlich erwähnt er auch „Vale de Lobos“, wo Gato seine Schlittenhunde auf Privatgelände züchtet und wir über sein Privatgelände marschieren sollen.
Ausserdem, so fährt er fort, sei das alles „Tranqui-Tranqui“ in ca. 3 Stunden hin und retour zu erreichen. Mehrfach lasse ich mir versichern, dass das alles eben ist und nicht durch Schnee und Eis steil bergauf geht. Doch er beruhigt nur und beharrt eisern auf „Tranqui-Tranqui“.

Ganz tranqui-tranqui nehmen die Freundin und ich die Verhandlungen auf. Wir wägen das eine gegen das andere und nachdem die Essensfrage auch geklärt ist und wir noch Zeit haben, einen Abstecher in die kürzliche Entdecke Café-Museums-Bäckerei zu machen, stimmen wir der Lagune zu. Ein bisschen Bewegung, wenn auch an diesem wolkenverhangenen Tag, tut uns schliesslich auch gut und warm angezogen sind wir auch.

Ca. 20 km – vielleicht auch mehr oder auch weniger – vor den Toren Ushuaias biegen wir ein ein Waldstück ein. Nein, unheimlich ist mir nicht. Ich will gar nicht erst darüber nachdenken und schon steigen wir aus. Gato (dass er so heisst, erfahren wir erst später) sucht den Mini-Plan zur Lagune, wir müssen uns mit Namen und Telefonnummer etc. ins Buch eintragen – die Uhrzeit schreibt er auch mit auf – und unterschreiben. Nach einer kurze Einweisung, wie, was und wo, fällt sein Blick auf unser Schuhwerk. Was er wohl hat? Trekkingschuhe vom Allerfeinsten. Doch er verzieht leicht das Gesischt, meint, es könne unter Umständen etwas matschig werden, da der Schnee erst vor kurzem weggeschmolzen sei. Doch wenn wir im Slalom durch die Prärie laufen, müsste das schon gehen und wir sollten trockenen Fusses bei der Lagune ankommen.

Wir gehen los. Patagonische Steppe. Eine weitläufige karge und recht kahle Landschaft. Es nimmt kein Ende. Das ist ein bisschen wie Sao Paulo, nur ganz ohne Beton. Wohin man auch schaut, Steppe, Bäume, Patagonien. Die frische Luft tut gut. Mein Husten quängelt zwar noch, doch so tranqui-tranqui gehen ohne Steigung kann auch ich gut bewältigen. 






 
Allzuweit kommen wir nicht. Gerade noch springen wir über ein kleines Bächlein, was unseren Weg kreuzt und dann stehen wir da vor einem unglaublich grossen überfluteten, moosartigen, schwammigen Areal. Schon das Tippen mit der Fussspitze reicht aus, um festzustellen, dass man locker bis zum Knie in diesem Schlamassel versinken würde, würde man sich mit dem ganzen Körpergewicht draufstellen. Wir versuchen noch, uns am Rand dieses Moossumpfes entlangzuhangeln, doch das Gestrüpp und ein freies Feld an Überflutung hindern uns daran.

Schade. Etwas traurig ob des kurzen Ausflugs treten wir den Rückzug an, wohlwissend, wir haben alles versucht, doch es führte nun mal kein Weg daran vorbei.

Gato und sein Freund und Helfer sitzen gerade beim Mittagessen, als sie uns schon von Weitem kommen sehen. Die Fragezeichen auf ihren Gesichtern sind selbst auf die Entfernung zu erkennen. In lückenhaften Spanisch, mit Gebrauch der internationalen Gebärdensprache, erkläre ich, warum unsere Wanderung ein jähes Ende genommen hat. Wir schauen in zwei betroffene Gesichter und es ist ihnen anzusehen, wie leid es ihnen tut.
Plötzlich Aufruhr. Der Freund lässt Löffel, Gabel und Messer fallen, spritzt auf und rennt raus. Und ich sag noch zur Freundin: „Der geht jetzt Gummistiefel suchen!“ Irgendwie ist es uns unangenehmen, dass wir die Jungs beim Essen stören, doch das ist schnell vergessen, denn dann macht sich Gato auch noch auf den Weg. Kurze Zeit später stehen die Männers mit 2 Paar Gummistiefeln vor uns.
Gundula ist ne 37 und ich bin 39 (manchmal auch 40). Man überreicht uns ein Paar in 42 und eines in 44.
Was nicht passt, wird eben passend gemacht. Ich verlange nach Zeitungspapier und wir beginnen die Stiefel mit Papier auszustopfen. Zu diesem Zeitpunkt wollen wir uns über die Stiefel keine Gedanken machen. Wir wollen die Lagune sehen und dazu soll und das nun ausnahmsweise auch mal recht sein. Nur nicht weiterfragen … Das Zeitungspapier erfüllt nun auch 3 Zwecke:
a) da ist was Neutrales zwischen meinem Strumpf und dem Stiefel
b) das Zeitungspapier hält den Fuss warm
c) der Stiefel passt besser, da das Papier wie ne Einlage ist.
Tschakka. Wir stiefeln wieder los.

Das Aus kommt fast wieder an der gleichen Stelle. Wie die Freundin das gemacht weiss ich nicht, doch sie enttdeckt das Loch in meinem Stiefel. Direkt in dem Knick am Fussrücken. Dort prangt ein Loch. Ein Loch, was mich ganz schön nass hätte aussehen lassen … Ja so macht das natürlich keinen Sinn. Wir brauchen das noch nicht mal versuchen, denn dann hätte ich ja auch mit meinem Halbschuh durch die schwimmende Prärie laufen können.
Ein zweites Mal an diesem Tag treten wir den Rückzug an.
Die Jungs sind noch immer am Essen und die Fragezeichen sind nun noch grösser, als beim ersten Mal. Bevor wir jedoch die gute Stube betreten, bleib ich draussen stehen, denn Gesten sagen mehr als 1.000 Worte. Ich zieh den Stiefel aus, steck den Finger von innen nach aussen … Das Gelächter ist gross.

Gato und der Kumpel kommen nach draussen gelaufen. So schnell, wie der Kollege seine Stiefel aus hat, kann ich gar nicht schauen. Die Zeitung ist auch gleich wieder parat, im Ausstopfen bin ich ja jetzt geübt und wir machen uns ein drittes Mal auf den Weg.
Man höre und staune. Wir schaffen es, die erste Hürde zu nehmen und überqueren in den übergrossen Gummistiefeln die überflutete Mooslandschaft. Hier ne kleine Brücke, dort ein kleines Bächlein. Die Steppe wird noch steppenhafter, die Bäume werden teilweise grösser und wir treten in einen kleinen Wald ein. Die Zeichen an den Bäumen, die uns den Weg weisen sollen, sind gut angebracht und so geht es zügig weiter. 
 
Gundula hat ja auch immer ganz lustige und spontane Ideen und so entfährt ihr: „Ganz schön leichtsinning von uns. Jetzt haben wir unsere Schuhe zurückgelassen. Vielleicht sind die beiden Schuhsammelmörder!“ Schön, dass sie uns dann doch erst mal haben davontraben lassen. Sie sprach es und währen wir so so weiter gehen ertönt von Weitem das Geräusch einer Kettensäge. Jungejunge, jetzt schiessen einem erst recht verrückte Gedanken durch den Kopf, wenn weit und breit so rein gar nichts mehr ist. Und wenn man so überhaupt keinen Handyempfang hat. Und vor allem wenn man so leise bei sich denkt, dass man hier in der Gegend noch nicht mal tot über'm Gartenzaun hängen würde wollen. Der Gedanke, dass uns nach einer Weile dann doch vielleicht mal jemand vermissen und man uns hier finden würde, tröstet mich ein klein wenig.
Wir wandern weiter durch den Wald. Immer wieder bleiben wir stehen und geniessen den Blick auf die Weite dieses Landes. Doch ab und an müssen wir auch das Gelände erkunden, denn leider geht es durch den Schlamm und Matsch nicht immer geradeaus und wir müssen uns den bestmöglichen Weg durch Schlammlandschaft suchen. 


 

Der Typ mit der Kettensäge begegnet uns kurze Zeit darauf. Nach einem „Buenos Dias“ folgt Small-Talk. Wir berichten, dass wir zur Lagune wollen, er teilt uns mit, dass er den Weg zur Lagune freigesägt hat. Bingo … ! Jetzt haben wir freien Gang und können bald ins Esmeralda-Wasser blicken. Wir machen uns weiter auf den Weg, der langsam aber sicher immer beschwerlicher wird. Inzwischen ist es aus mit „nur eben weitergehen“. Nein, es geht steil nach oben. Welch ein Glück, dass wir uns nicht zur Gletscher-Besteigung aufgemacht haben!
Wer hat eigentlich diesen Scheiss-Trip gebucht?
Es geht immer nur noch bergauf. Ich pfeif schon aus dem letzten Loch und Gundula meint nur: „Lass mich zurück, allein kannst Du es schaffen!“ Dieser Satz sollte beiden von noch mehrfach über die Lippen kommen. Wir quälen uns nach oben und irgendwann stehen wir wieder auf geradem Boden. Das Ende des Waldes ist erreicht – zumindest wenn man rechts rum schaut. Schaut man links rum, geht der Wald weiter. Anstatt mal auf den Plan zu schauen, vermuten wir einfach mal, dass hinter dem vor uns liegenden Anstieg dann auch die Lagune sein muss. Der Wind wird immer rauher, das zu überquerende Feld ist genauso schwammig und moosig, wie das erste. Und es geht steil nach oben. Wollen wir umkehren? Nichts da. Zähne hoch und den Kopf zusammenbeissen !!! Das schaffen wir! Check.
Hinter dem Hügel ist sie bestimmt, die Lagune. 
 
Wir kommen oben an und was sich uns bietet, ist ein Anblick des Grauens. Die Steppe geht weiter … Sack und Asche. Die haben uns doch verdingst. Die veräppeln die Touris die ganze Zeit. Von wegen, das gibt’s ne Lagune. Gundula war der Meinung, dass die grosse Pfütze im Wald schon die Lagune gewesen sei. Nur das mit Esmeralda, das passte nicht ganz.
Es geht wirklich nicht mehr weiter. Einfach so über's freie Feld zu laufen wäre verantwortungslos, gefährlich, nicht einschätzbar gewesen. Dieses Risiko wollten wir nicht auf uns nehmen und so drehen wir um und stochern wieder zurück. Das Ende unserer Kräfte ist erreicht. Wir können nicht mehr. Mal ganz davon abgesehen, dass ich noch immer belle wie ein grosser Schäferhund, nein, meine Klamotten sind unter meiner Funktionswäsche schweissdurchtränkt. Der peitscht inzwischen kräftig gegen meinen Windbreaker. Die Mütze fest über'n Kopf gezogen geht’s wieder zurück durch den Wald. Immer schön den Zeichen nach.

Das Waldstück hat was von Blair Witch Project. Unheimlich isses …

Es ärgert mich, dass wir die Lagune nicht gesehen haben. Tranqui-Tranqui sind wir gut und gerne 4 Stunden unterwegs gewesen, hatten Mordsspass, allerdings ohne Lagune.
Wir überlegen, ob wir „beichten“ sollen, oder ob wir vorgeben sollen, sie gesehen zu haben. Doch stellt euch mal vor, wie das ausgesehen hätte, wir hätten gesagt, wir haben sie gesehen, dabei wissen die, dass es die Lagune gar nicht gibt. Nein, das wollten wir auch nicht. Und so geben wir vor Gato und dem Freund zu, dass wir die Lagune nicht haben finden können. Wir schildern nochmal wie wir gelaufen sind und dabei entdecken wir auch den Fehler im System. Dort, wo der Wald linksrum weiter ging, sind wir rechts gelaufen. Wir hätten links bleiben müssen und wären dann ans Ziel gekommen.

Nichts desto weniger, wir hatten Spass, haben die Wanderung genossen und haben uns zur Feier des Tages dann erst mal ein Bier gegönnt. Der Busfahrer hat uns dann auch wieder abgeholt und sogar am Hotel abgesetzt. Jetzt erst mal duschen und fein machen. Die Strümpfe dieses Tages jedoch sind am Ende ihrer Reise angekommen. Sie wanderten in den Mülleimer.

So verging der letzte Tag am Ende der Welt. Ein Feierabendbier bevor es am nächsten Tag nach dem Schinken-Käse-Media Luna-Frühstück nach Buenos Aires gehen sollte …

Und Gundula packt ihren Koffer wieder aus und wieder neu ein …

Gehabt euch wohl,
Eure Jana.

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