Donnerstag, 22. Dezember 2011

Das Leben lässt sich nur rückwärts verstehen ...

... muss aber vorwärts gelebt werden. (Sören Kierkegaard)



Auch wenn sich hierzulande mal so gar keine Weihnachtsstimmung einstellen mag, so kann ich es mir doch nicht ganz verkneifen, doch ein bisschen zurückzublicken auf die vergangenen Brasilenienmonate. Irgendwie liegen diese Monate, wie ein ganzes kleines Leben hinter mir und genauso wie ein ganzes kleines Leben vor mir ...
Verwirrend und spannend und so normal ... Alles drei auf einmal ...

Ein grosses Land, eine grosse Stadt und ziemlich grosse Gegensätze. April war’s, als ich zum dritten mal in meinem Leben brasilienischen Boden betrat. 2 Dienstreisen führten mich bis dato in das Land der Flip-Flöpper. Immerhin kurz genug, um mir nichts ansehen zu können, dennoch lang genug, um meine Zusage zu erteilen, dieses Land, diese Stadt, für ein Jahr meine Heimat schimpfen zu wollen.
Neben unzähligen Kilogrämmern an Gepäck, hatte ich natürlich noch unzählige gute Ratschläge mit dabei, die mir ganz wild im Kopf umherflatterten und mich schlussendlich daran hinderten, entspannt meinen Aufenthalt zu beginnen.
Es ist gefährlich. Du musst aufpassen. Lauf nicht allein auf der Strasse. Nimm immer ein Taxi ... etc.

Es ist, als ob es gestern war ... Rotz und Wasser heule ich am Flughafen und will gar nicht mehr. Im Flieger will ich gar nicht aussteigen. Will gleich wieder zurück nach Hause. Doch nix da. Leben, ich zeig Dir mal, wo der Frosch die Locken hat. Die Suppe hab ich mir eingebrockt, die löffel ich jetzt auch aus. Komme was wolle. Und dann beschliesse ich erst einmal, das Hotelzimmer nicht mehr zu verlassen.
Allerdings führt kein Weg daran vorbei und ich muss raus. Es geht gar nicht anders und so wage ich die ersten Baby-Steps auf Paulistanischen Strassen. Ganz behutsam setze ich einen Fuss vor den anderen, versuche jeden und alles im Auge zu behalten, bis mir eine Shopping-Mall sicheren Unterschlupf gewährt.

Damals und Heute. All das, was mir zu Beginn Angst, Probleme, Unbehagen, bescherte, geht mir heute relativ leicht von der Hand. Ein klein wenig erschreckend, wie schnell sich das gelegt hat und wie normal das geworden ist. So, als hätte ich niemals was anderes getan. So, als wäre es nie anders gewesen.

So fremd die Menschen mir damals vorkamen, so vertraut sind mir ihre Gesichter heute.
So fremd die Sprache in meinem Ohr klang, so spreche ich sie heute selbst und ertappe mich hin und wieder dabei, sogar in ihr zu denken.
So allein ich damals auch war, so habe ich inzwischen Freunde gefunden, auf die ich mich verlassen und auf die ich zählen kann.
So sehr mir vor der brasilianischen Bürokratie auch graute und so schwer sich das gestaltete, so lernte ich durchzublicken, zu verstehen und mich allein durch den Bürokratie-Dschungel zu navigieren.
So chaotisch mir der Verkehr auf St. Pauli’s Strassen vorkam, so stürze ich mich heute allein mit einem Auto bewaffnet hinein. Selbst das Navigationsgerät habe ich in den letzten Wochen nicht mehr benötigt.

Schlussendlich ist es so, dass, ganz gleich wo man auf der Welt ist, nach einer gewissen Zeit, der Alltag Einzug hält. Es kommt mir vor, als hätte ich den Alltag zu Hause gelassen, weil im Gepäck kein Platz mehr war und dann geht der Alltag hin, kauft sich einfach ein Ticket nach Brasilenien, ohne mir bescheid zu geben, und schleicht sich einfach in das neue Leben ein. Noch nicht mal vom Flughafen wollte er abgeholt werden. Er findet einen auch ohne Auto und ohne GPS.
So ist das wohl.
Und dennoch, es ist anders, als zu Hause. Also in Good Old. Denn St. Pauli ist auch irgendwie Zuhause. So ein bisschen ist es das geworden. Der Dunstkreis, in dem man sich in der Stadt bewegt, ist vertrauter. Neues geht man viel lokkerer an, als noch zu Beginn. Es jagt einem eben nicht mehr so schnell Angst ein.

Neben all den sichtbaren Veränderungen, und ich bin mir sicher, noch lange nicht alle aufgezählt zu haben, stellt man dann in einer ruhigen Minute fest, dass man sich selbst auch verändert hat. Und so stelle ich fest, dass ich die ein oder andere Gewohnheit abgelegt, dafür aber eine neue dazu bekommen habe. So ein klein bisschen mehr „Mädchen“ bin ich wohl auch geworden (unlängst fragte mich ein Freund: „Du sag mal, seit wann wackelst Du denn mit dem Po?“. Mal ganz davon abgesehen, dass ich nicht mit dem Po wackle, so habe ich mich als Gringa, wie ich hier liebevoll genannt werde, belehren lassen, dass ich mit meinem europäischen Bikini NICHT an den Strand gehen darf und mich den lokalen Gepflogenheiten anzupassen habe. Lange Rede kurz, die „Zahnseide“ konnte ich den Mädels ausreden, dennoch ist das Stück Bikini-Stoff einiges knapper ausgefallen, als jenes Modell, was ich zu tragen pflegte (und da dachte ich schon, es sei knapp).
Kurzum, ich merke, ich komme bei und in mir an. Eine Gelassenheit von ganz tief drin macht sich in mir breit und ich fühle mich wohl. Die brasilianische Gelassenheit tut gut, um in bestimmten Momenten, nicht gleich aus der Haut zu fahren. Manchmal verpenne ich sogar, dass es evtl. ein Moment zum in die Luft gehen gewesen sein könnte. Nichts wird so heiss gegessen, wie es gekocht wird und wenn, dann ist der Brasilianer nicht nachtragend, das Brandbläslein auf der Zunge ist vergessen und ein kühles Blondes hilft, Linderung zu verschaffen.

Meinen Koffer habe ich auch oft gepackt – ich glaube, nur die Kofferpackzeit in der Schweiz habe ich noch nicht ganz getoppt.
Ich packte meinen Koffer nach:
- Ubatuba
- Manaus
- Foz do Iguacu
- Deutschland
- Zagreb
- Rio de Janeiro
- nochmal Deutschland
- Puerto Madryn – El Calafate – Ushuaia – Buenos Aires
- Deutschland
- heute packe ich meinen Koffer wieder
Tja, viel gesehen und viel erlebt habe ich – haben wir. Freunde aus Deutschland habe ich hier empfangen und Zeit mit ihnen verbringen dürfen.

Doch wie alles im Leben, hat auch dies hier seinen Preis.
Viele traurige Momente habe ich hier überstehen müssen. Allein. Weit weg von der Heimat. Den Freunden. Der Familie. Das Internet oftmals der einzige Zugang zur Aussenwelt. Das Heimweh war zuweilen schon sehr heftig und es gab Momente, in denen ich am liebsten alles hingeworfen und die Koffer nach Hause gepackt hätte.
Viele Froschpokermomente musste ich überstehen, bis auch für mich die Sonne wieder schien. Und nicht selten die Frage, warum das alles. Zweifel, an dem, was man tut und tat. Selbstzweifel. Angst, vor dem was kommt und Angst vorm Aufwachen und feststellen, dass es doch nicht das gewesen ist, was man sich für sich selbst so vorgestellt hat.

Diese grosse Reise hat Grosses in mir losgetreten. Jetzt gilt es, alles zu ordnen und die Weichen neu zu stellen. Für den Moment aber begebe ich mich zunächst in die Verlängerung und habe so mit dem heutigen Tag sowas ähnliches, wie ein Bergfest. Das was zeitlich nun hinter mir liegt, liegt, so sich nichts ändert, noch vor mir. Und ich glaube mit Fug und Recht behaupten zu können, dass die bevorstehenden Tage, Wochen, Monate sicherlich nicht minder spannend und ereignisreich werden werden, wie jene, die bereits vergangen sind.

Und dann war und ist da noch der „Boyfriend“ Schavier, der so ziemlich alle Berg- und Talfahrten mitgemacht hat. Ein treuer Freund und Begleiter, Zuhörer und Ratgeber. Ohne ihn wäre es ungleich schwieriger gewesen. Er wird seinen Abschluss machen, indem er seine liebe Freundin Karime in Kolumbien heiraten wird und ich werde meinen Abschluss machen, indem ich mit meinen „brasilianischen Schwestern“ am kolumbianischen Strand feiern werde ... Zumindest werden wir im gleichen Land feiern, wenn ich nicht schon bei der Hochzeit dabei sein kann ...

Nun bleibt mir nur euch ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Start ins Neue Jahr zu wünschen !
Kommt gut raus und vor allem gut rein, passt auf euch auf. Und mit ca. 6stündiger Verspätung werde dann auch ich auf euch, auf mich, auf uns anstossen können !!!

Gehabt euch wohl !!!

Eure Jana

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Brasilenien ...

... und was mich sonst noch anstrengt!





Dinge passieren, ohne dass man wirklich Einfluss darauf nehmen kann. So kam mir mein letzter Good-Old Aufenthalt extrem kurz vor, die Rückkehr nach St. Pauli fühlte sich allerdings eher danach an, als sei ich eine halbe Ewigkeit weg gewesen.
Vielleicht lag es aber auch einfach nur am immensen Temperaturunterschied. Meine Schneefallgrenze ist um mindestens 30 Grad gesunken, das Atmen fällt am Nachmittag unter freiem Himmel zunehmend schwerer und diese dauerhafte Schwüle trägt nicht unbedingt zum allgemeinen Superwohlbefinden bei.

Doch wer jammert, kommt ins Heim und so schleppe ich meinen Körper direkt nach Landung vergangene Woche zum Lauftraining in den Park. Alles ist unverändert, bis auf die Tatsache, dass selbst im Park Weihnachten Einzug gehalten hat. Wie alles in St. Pauli, sind auch hier die Weinnachtsglocken, -kugeln und –lichter überdimensioniert. Während ich so meine Runden drehe, begutachte ich die Parkdeko und erwische mich dabei, wie ich mich schon darauf freue, demnächst mal bei Nacht laufen zu gehen, damit ich das Spektakel dann auch mal in Betrieb ansehen kann.

Ich schnaufe wie ein Walross, als ich den Park in Richtung Wohnung verlasse, als mich mitten auf der Strasse jemand „anhaut“. Zweimal musste ich hinsehen, bis ich kapiere, dass es sich um meinen Mitläufer im Park handelt, mit welchem ich bislang immer nur Blicke tauschen konnte und der mein heimlicher Motivator war, immer noch eine Runde mehr zu laufen. Wow, 18 Melonen Menschen in dieser Stadt und ich werde auf der Strasse erkannt bzw. kenne selbst jemanden. Marcio lässt mich wissen, er hätte mich in den letzten Wochen „vermisst“ und ein Blick auf seine Uhr entlockt ihm, dass ich an jenem Tag wohl viel zu früh zum Laufen dran war.
Wir verabschieden uns, denn schliesslich muss ich in Bewegung bleiben und er will auch noch loslaufen. Allerdings steht der Plan, dass wir uns freitags (zur gewohnten Uhrzeit) im Park zum Laufen treffen wollen.

Lange Rede kurz. Wir kommen an jenem Freitag nicht zusammen. Gestern erst hat es wieder geklappt. Eine Stunde lang drehen wir gemeinsam unsere Runden, sprechen eine lustige Sprache, die wir selbst nicht so recht definieren können und dann geht wieder jeder seiner Wege ...


Dieses Klima ist im wahrsten Sinne des Wortes anstrengend. Auf auf die Gefahr hin, dass ich meinen Lauffreund im Park nicht mehr sehen werde, testete ich diese Woche mal aus, wie es denn ist, am Morgen zu laufen. Schwül isses am Morgen auch, vielleicht sogar noch mehr, als am Abend, doch es ist nicht ganz so drückend heiss. Ich verspreche mir davon, meine allmorgendliche Schwitzkur während des Laufens hinter mich zu bringen, um mich nach dem Duschen damit rumärgern zu müssen.
Doch weit gefehlt. Ich lasse mir Zeit, führe all meine Bewegungen in Slow-Mo aus und dennoch, jede noch so kleine Bewegung treibt mir die Schweissperlen auf die Stirn. Inzwischen bin ich schon soweit, dass ich morgens mindestens 30 Minuten einplanen muss, denn zwischen den einzelnen Arbeitsschritten muss ich weitere Ruhepausen einplanen ...

Leider bewahrte mich das vorgestern Morgen nicht davor, nachdem ich schon fix und fertig angezogen und mit dem Fahrstuhl nach unten gefahren war, mich nach einer weiteren Ruhepause von der Ruhepause doch wieder nach oben zu begeben, um mir wieder trockene Klamotten anzuziehen. Unglaublich dieses Klima hier (und ich bin mir sicher, es ist das Klima und nicht ich!!!). Wissentlich, dass ein 1,5 km Fussmarsch vor mir liegt, packe ich vorsorglich noch ein frisches T-Shirt ein und begebe mich auf die Strasse ...
Keiner will wissen, in welchem Zustand ich bei der Arbeit ankam. Ich ehrlich gesagt auch nicht mehr ...
Einmal mehr denke ich mir, wie schön es doch in Deutschland wäre. Wenn es kalt ist, ist es kalt und wenn es warm ist (bzw. sein sollte), ist es auch kalt. Da weiss man, was man hat und man weiss auch immer, wie man sich richtig anzuziehen hat ...

... und es war noch nicht mal richtig Sommer ...


Inzwischen treibt mir noch eine weitere Tatsache (Angst)Schweissperlen auf die Stirn. Es ist das 17. Stockwerk, auf oder in welchem ich lebe. Also, nicht das Stockwerk selbst, vielmehr die Tatsache, dass dieses Stockwerk ohne Fahrstuhl nur unter Aufbietung der letzten Kräfte erreichbar wäre. Kurzum, ich glaub, ich bin in 120 % aller Fälle auf das mobile Gefährt angewiesen.
An dieser Stelle sollte ich erwähnen, dass ich mich in kleinen, engen Räumen generell nicht so wohl fühle, in kleinen, engen Räumen mit vielen Menschen noch viel weniger. Auch ist mir immer wieder blümerant, wenn ich mit dem Fahrstuhl fahren muss und jedesmal bin ich erleichtert, wenn das Ziel erreicht ist und ich endlich wieder aussteigen darf.

Es war Montag. Diese Woche. Ich beschliesse noch vor dem Aufstehen joggen zu gehen. Meine Nachbarin dachte sich das gleiche und so standen wir kurz nach 0600 gemeinsam im Fahrstuhl. In „Null“ wollen wir aussteigen, doch kurz vorher bleibt der Fahrstuhl stehen. Oder stecken. Oder was auch immer.
Normalerweise zeigt meine Pulsuhr im Ruhezustand noch nicht mal die 50 an und jetzt schnellt der Pulsschlag binnen weniger Sekunden auf über 100 ... Shit. Ich – wir – stecken fest. Auf das Klingeln reagiert keiner und dann geht das Licht ein weiteres mal aus. Als es wieder angeht, zeigt das Display des Fahrstuhls die 28 an und die Kabine setzt die Fahrt in entgegengesetzer Richtung fort. In -3 dürfen wir aussteigen. Die Treppe nehmen können wir nicht, da das Treppenhaus stockdunkel ist und so arbeiten wir uns die Tiefgaragenausfahrt nach oben, bis wir endlich wieder Tageslicht sehen.
Mit meinem Puls bin ich längst schon „out of Comfortzone“ und ich überlege, ob ich überhaupt noch laufen soll, denn in den letzten 20 Minuten habe ich vermutlich schon 7,8 g Fett und 1.334 kcal verbrannt ...

Schlussendlich entscheide ich mich dann doch für den Parklauf und als ich zurück bin, verdonnere ich einen meiner Türwächter, mich mit dem Fahrstuhl nach oben zu fahren, denn jetzt trau ich mich nicht mehr allein ...


So, und zu allem „Elend“ gibt’s dann morgen abend noch: „Amigo Secreto“. Den Krabbelsack oder das Wichteln kenn ich schon, doch einen „geheimen Freund“ kenn ich nicht. Während man mir Gringa erklärt, dass es noch einen Subnamen gibt, sowas wie: „Ich klau mir mein Geschenk“, bin ich etwas schlauer.
Und das geht so:
Der Betrag von BRL 30,00 wurde festgelegt. Man sollte sich daran halten. Eingeladen werden ALLE. Männlein und Weiblein. Kreativ soll das Geschenk sein.
Soviel zu den Rahmenbedingungen.
Wenn wir uns morgen dann in der Location einfinden, warten wir erst mal ab, essen, trinken und erzählen und wenn dann klar ist, dass keiner mehr kommt, werden die Namen der Anwesenden auf Zettel geschrieben.
Derjenige, der sein Geschenk verschenken soll, muss einen Zettel ziehen und demjenigen sein Geschenk schenken. Der Beschenkte kann dann, wenn ihm sein Geschenk nicht gefällt, einem anderen das Geschenk „klauen“ (also tauschen). Der, der zuerst dran ist, wird dazu wenig Möglichkeiten haben, doch je später man beschenkt wird, umso grösser die Auswahl, sich ein schöneres Geschenk auszusuchen.

Da ich jetzt allerdings nicht weiss, ob jemand meiner „geheimen Freunde“ hier mitliest, werde ich nicht veröffentlichen, was ich mir habe einfallen lassen ... Das mach ich zu einem späteren Zeitpunkt ...

Und hier noch mein Elf für dieses Jahr (auch eine ziemlich anstrengende Performance :-))


Gehabt euch wohl,
Eure Ma

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Fast Forward ...

… Wo ist die „Pause-Taste“?



Kann mal bitte jemand mein kleines beschissenes Leben kurz anhalten? Ich kann's offensichtlich nicht … Die Zeit rinnt mir durch die Finger, es scheint, als erlebe ich Dinge in 14 Tagen, für die andere mal lokker, wenn nicht sogar noch mehr Zeit brauchen …
Ich komm selbst nicht mehr nach … Überrolle mich selbst und schau dem vorbeirauschenden Zug einfach nur noch nach und weiss gar nicht so recht, was da gerade so passiert ist.

Wie gut, dass ich's aufschreiben kann, denn dann kann ich's irgendwann, wenn ich mal raste, nachlesen und mich selbst wieder aufgleisen und abholen.

Das Ende meines Abschlussberichtes macht nun hier den Anfang, denn das ist das, was mich schon recht beschäftigt hielt …
Unverhofft fragte ER, ob er mich denn am Tag meiner Ankunft in Frankfurt am Flughafen abholen solle. Ich lehne ab, wobei ich mich heute schon frage, ob es nicht vielleicht besser gewesen wäre, das Angebot anzunehmen …
Warum hab ich eigentlich abgelehnt? Ganz einfach. Wir haben uns sage und schreibe 21 Jahre nicht mehr gesehen. Es ist viel passiert in diesen Jahren und in knapp 2 Wochen lässt sich das weder per Mail, noch per Telefon nach- und aufholen.
Die Vorfreude ist gross. Erwartungen habe ich keine. Es ist einfach nur schön, einen „alten“ Bekannten nach einer halben Ewigkeit wieder zu treffen.
Während wir uns auf unser Wiedersehen warten, vertreiben wir uns die Zeit mit Reden und Schreiben. Ich bin gespannt. Weiss nicht so recht, was mich erwarten wird.

Er bestimmt das Tempo. Er bestimmte es die ganze Zeit. Pläne hat er gemacht. Termine hat er umgelegt. Zeit hat er sich genommen.
Dann das erste Treffen nach gefühlten 100 Jahren. Schön war's. So fremd und doch so vertraut. Er hat sich verändert. Ich mich wohl auch. Wir reden. Wir lachen. Noch immer bestimmt er das Tempo. Alles ist fein und ich? Ich mag gar nicht denken … Ich lass es einfach und verlass mich auf meinen Kopfbauch.
Und nach dem Treffen fragt er mich, ob ich nicht zu einem seiner Termine mitkommen möchte. Er würde sich freuen, täte ich ihn begleiten. Zugegeben, wohl war mir dabei nicht. So ne halbe Familiensache, die mir schon recht schwer im Magen lag … Ich zeige mich solidarisch, zumal er mich ja auch zu einem Geburtstag begleiten wollte. Augen zu und durch. Wird schon werden. Alles ist fein. So auch der Abend. Wir lachen. Wir reden.

Der Geburtstagssamstag beginnt entspannt. Ich tu das, was ich tun muss und selbstverständlich will ich wieder alles und das am besten auf einmal. Und so hat dann auch noch Tuti Zeit. Cool. Nach einer halben Ewigkeit will ich sie auch noch in den Arm nehmen und nicht noch einen Tag länger warten. Es muss noch vor dem Geburtstag sein. In der Zwischenzeit vermeldet er, er würde sich verspäten. Mein Vorschlag lautet: Er solle sich Zeit lassen, ich führe unterdessen zur Tuti und wir könnten uns ja dann völlig entspannt eine Stunde später treffen, um auf den Geburtstag zu gehen.
Doch dann kommt es doch ganz anders. Er möchte mit und bittet mich, zu warten. Ich tu, wie ich gebeten.

Noch immer ist alles furchtbar entspannt. Bei Tuti gibt es viel zu reden, viel zu sehen und vor allem viel zu berichten. Schön isses und dann müssen wir aber auch schon los, da das Geburtstagskind eben auch noch wartet.
Auf der Party angekommen, begrüssen wir hier, reden dort und überhaupt ist alles ziemlich tippi-toppi.
Ca. 2 Stunden später lässt er mich wissen, dass ihm alles zu schnell ginge.
Hääää?
Wie jetzt?
Ja, es ginge ihm zu schnell. Wir hätten uns keine Zeit gelassen … bla bla bla …
Aha.
Zum Glück war ich diesmal nicht diejenige, die das Gaspedal mit dem Bremspedal verwechselt hat …
Ich versteh' mal wieder so rein gar nichts … Muss ich aber auch nicht.

Dennoch kann ich es nicht unterlassen, meiner Enttäuschung Luft zu machen und halte mit keinem meiner Worte hinterm Berg. Bedrückendes Schweigen. Ich steige aus dem Auto, wünsche eine angenehme Heimfahrt und suche Schutz in der Casa.
Ich denke nach. Sicher bin ich mir nicht mehr, ob es immer so geschickt ist, die Wahrheit und das, was man so denkt, frei auszusprechen. Das geschnalzte Wort eben. Doch der verletzte Stolz, die Enttäsuchung liessen einfach keine andere Wahl. Was folgt, ist ein Treffen auf dem Glühmarkt, eine Erklärung dessen, warum es war, wie es war und vor allem aber das zum Ausdruckbringen, dass das, was er vorher tat, sagte und unternahm, so gar nicht zum Zuschnellgehen passten.
Und einmal mehr lasse ich mich von ihm auf's Glatteis führen … Der Abschied sprach eine andere Sprache.

2 Tage später dann die Offenbarung, er müsse nun doch ehrlich sein …
Er wählt die non-verbale Kommunikation.
Feige ist das. Ein Griff zum Telefon wäre das Mindeste gewesen.
Doch das ist eben nicht Jedermann's Sache.
Ich wünsche noch „ein schönes Leben“ und hake die Sache für mich ab.

Was ist nur los?
Ist es zuviel verlangt, von zwölf bis Mittag zu denken?
Stimmt mit mir was nicht?

So, das Abholen vom Flughafen überlasse ich zukünftig auch nur noch denen, die sich damit auskennen …

Gehabt euch mal wohl.