… oder wohnst Du schon ?
Schon am Montag flattern mir die ersten Wohnungsbesichtigungstermine ins Haus. Mittwoch und Donnerstag seien für Besichtigungen vorgesehen und Karin würde mich um 0830 im Hotel abholen und mich zu den Wohnungen bringen.
Es ist also Mittwoch. Nach dem ersten Kontakt brasilianischer Pünktlichkeit, lasse ich mir Zeit. Sehr viel Zeit. Plötzlich und unerwartet klingelt mich das Telefon zurück in die Zukunft. Schnell noch zwei drei Handgriffe, Handtasche schnappen und runter geht’s. Es erwartet mich Karin. Mittvierzigerin. Schlank. Blond. Prada-Brille auf der Nase, Gucci-Tasche über der Schulter und an die Füsse auch irgendwelches teures Designer-Zeug.
In breitestem Amerikanisch schleudert sie mir ein: „Good Moooorning Dear, are you Marijana?“, entgegen. Oh yes, I am Marijana und wenn ich ehrlich bin, dann bin ich noch gar nicht so ready to meeting you … Aber was soll's, das Leben ist halt doch kein Wunschkonzert. Wie es sich für einen fast-Brasilenier wie mich gehört, kennt man die örtlichen Gepflogenheiten schon und ratz-fatz verpass ich der blonden Kleinen einen „Beso“ auf die Wange.
Im roten Audi nehmen wir Platz und Karin redet ohne Unterlass. Es mögen 50 Meter von der Hotelausfahrt bis zur nächsten Ampel sein und schon erfahre ich, sie wäre mit dem ersten Mann nur 1 Jahr, 8 Monate verheiratet gewesen, habe jetzt, mit dem 2. Mann, 2 Kinder und sei seit Kurzem erst wieder „in Town“. Sie lebe in Scheidung, der Mann sei Amerikaner, käme über Ostern die Kinder holen und sie könne es kaum erwarten zu ihrem Strandhaus zu fahren, um sich so richtig zu erholen. Fast schon im Nebensatz erwähnt sie, dass ihr GPS eigentlich schon längst hätte geliefert werden sollen, doch das hätte nicht geklappt und darum behelfe sie sich nun dem Ausdruck aus Google Maps.
Mein Gedanke: Na das kann ja heiter werden!
Es wurde heiter. Karin und ich navigieren uns durch den Paulistanischen Verkehr. Der immerwiederkehrende Stau auf der A5 zwischen Karlsruhe und Pforzheim ist Pille-Palle. Das einzige was hier sich zu bewegen scheint, sind die Motoboys und der Uhrzeiger. Nach einer gefühlten Ewigkeit und der Geschichte, dass sie nun die dritte Haushaltshilfe eingestellt habe, weil das so angenehm sei, wenn man abends nach Hause komme und dann das Obst für den Obstsalat geschnibbelt sei, erreichen wir nach vielen Irrungen und Wirrungen endlich das erste Apartment. Eine zweite Karin erwartet uns, während eine dritte Karin bei der ersten Karin anruft. Da stand ich nun inmitten meiner drei Karins, auf der anderen Seite der Avenida Paulista und fragte mich, wie das wohl ausgehen wird.
Karin 2 (auch blond und total brasilienisch) spricht mich in astreinem Deutsch an. Zuallerst zeigt sie mir den Schwimming-Pool, dann den Fitnessraum und die Aussenanlagen. Danach geht’s hoch in den 18. Stock und ich betrete mein erstes möbliertes Apartment. Alles ist neu. Die Möbel sind toll. Die Küche modern. Der Vermieter wollte nicht alles einrichten, er wollte sich nach den Wünschen des Mieters richten. Und so gab es eben in dieser ersten Wohnung ein Hauptschlafzimmer mit angrenzendem Badezimmer, ein weiteres Schlafzimmer und noch ein weiteres Schlafzimmer, einen Wohnsalon und die Küche mit angrenzendem Waschraum, in welchem sich die WaMa befindet. Achtung und jetzt kommt's: Eine WaMa, die NUR mit kaltem Wasser waschen tut ! Na mir soll's egal sein, solange ich endlich aufhören kann, mit all meinen Klamotten zu duschen, denn derzeit habe ich kaum eine andere Möglichkeit, wenn ich nicht mein ganzes Geld in die Wäscherei zum Waschen schleppen möchte.
Zurück zur Wohnung. Alles ist tippi-toppi, nur gibt es keinen Balkon und sie ist nicht in Laufnähe zur Firma. Irgendwie schon ein KO Kriterium.
Und im übrigen: Karin 1 spricht auch astreines Deutsch …
Doch Karin 2 hat noch weitere Wohnungen anzubieten. Und so fahren wir zur nächsten. Diese ist schon etwas näher an der BASF, doch noch immer weit genug weg, als dass man laufen könnte. 2 Schlafzimmer, Küche, komplett eingerichtet. Aber MINI … 45 qm vielleicht. Und: Die Vermieterin will ihre Matratze mitnehmen. Na dann. Soll sie sie doch mitnehmen. Die Wohnung ist sowieso nichts für mich. Und das nicht, weil sie weit weg ist, sondern weil sie direkt an der Hauptzufahrtsstrasse liegt.
Karin 2 und Karin 1 beratschlagen sich mit Karin 3 und es geht weiter zum nächsten „Komplex“. Ich rede hier immer von sogenannten „Condominios“. Bewachte und in sich geschlossene Anlagen, die meist über alles verfügen, was das Herz begehrt (manchmal auch nicht). Also gut. Wir erreichen das Condominio. Laufnähe. Super Aussenanlage. Super Innenanlage. Ein Fitnessraum, der fast so gross ist, wie der beim Pfitzenmeier (na gut, jetzt hab ich echt übertrieben) und: ein Superkleines Zimmer. Wohnklo sag ich nur. Und ein Preis, bei dem einem schon beim Lesen schlecht wird.
Die Karins überlegen hin und her. Irgendwann haben wir nämlich festgestellt, dass die Agentur etwas verwechselt hat und nur 1-Schlafzimmer-Wohnungen zusammengetragen hat. Und schauen wir weiter. Hier ein Loft, in welchem es durch die Decke regnet, dort ein Studio welches so lichtüberflutet ist, dass es einem in den Augen weh tut und ich versucht bin, Karin 1 die Prada von der Nase zu reissen. Wir arbeiten uns langsam aber sicher in BASF Nähe. In der Rua Helena treffen wir den Hausherrn. Ein weisshaariger, älterer Herr. Beide Karins übersetzen simultan die Ausführungen des betagten Mannes. Wir betreten die Wohnung und just in diesem Moment erschlagen mich 2 giftgrüne Ohrensessel mit Häkeldeckchen über den Armlehnen. Den Nierentisch und die komische alte Tapete übersehe ich. Was mir zu schaffen macht, ist der Geruch. Für den Bruchteil einer Sekunde verfluche ich, dass ich mein Herz auf der Zunge trage, denn es rutscht mir heraus: „Lebt der, der hier wohnt, eigentlich noch?“. Es ist ein Geruch, der sich nicht beschreiben lässt. Die Vorhänge, müssen irgendwann mal weiss gewesen sein. Jetzt ist eher ein Grauton, der schwarz näher ist als grau. Ich bin mir sicher, selbst wenn es in der Wohnung kein Leben mehr gab, so gab es in der Küche ganz bestimmt ganz viel davon …
Tja, aber auch diese Erfahrungen gehören dazu.
Auf dem Weg zum Wagen kommen wir an einem anderen Condominio vorbei und Karin 2 gibt mir wehmütig zu verstehen, dass sie mir hier liebend gerne eine Wohnung anbieten würde. Doch leider seien diese nur unmöbliert.
Karin 2 verabschiedet sich und Karin 1 und ich gehen zum Mittagessen.
Es ruft eine weitere Maklerin an, mit der wir uns nach dem essen treffen. Inzwischen hab ich sämtliche Orientierung verloren. Von Itaim Bibi nach Jardins, von Jardins nach Brooklin, von Brooklin nach Moema zurück nach Vila Olimpia. Die Stadtteile kenne ich nun schon mal beim Namen …
Wir erreichen das Dingens und Karin 1 sagt: „Du, da waren wir doch schon mal … Weisst Du noch?“ Ja, es ist das Dingens, welches angeblich nur unmöblierte Wohnungen hat …
Alles schau ich mir an. Es gibt Schwimmmöglichkeiten, einen Fitnessraum, eine Sauna. Die Wohnung liegt im 17. Stock. Weit weg vom Lärm. Alles ist neu renoviert. Nur die Möbel sind alt. Die Küche geht. Eine neue WaMa kommt noch. Der Hausherr stellt noch nen Schreibtisch rein. 2 Stellplätze für's Auto. Umgebung? Shopping Center direkt vor der Nase (mit suuuuper Essen und tollen Geschäften), nette Wohngegend und jetzt kommt's: 850 m von der BASF weg. Ja wie geil ist das denn … Einen Balkon hat die Wohnung auch noch …
Und da stehe ich nun und überlege, was tun. Ich rufe Kollegen an, um mir bestätigen zu lassen, dass das, was ich vor hab, gut ist … Die Bestätigung kommt sofort. Es ist gut … Es ist allerfeinst. Es ist tippi-toppi. Wenn alles klappt, dann ziehe ich bald in eine schöne grossse Wohnung ein, die genug Raum zum Entfalten bietet. Vor allem aber bin ich sicher untergebracht, hab innen alles, um es mir gutgehen zu lassen, alles andere ist in Reichweite. Nur einen kompletten Hausstand muss ich mir zulegen. Doch auch da gibt es Mittel und Wege …
Jetzt heisst es zu warten, bis der Vertrag vorbereitet ist und dann kann ich unterschreiben. Und bis dahin überlege ich, wie ich euch von meinem ersten Ausgehabend in Sao Paulo berichten werde und ob es Iren im Neuseeland-Pub gibt und dass ein Wallaby nicht nur ein Tier ist …
Gehabt euch wohl,
Eure Jana
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