Sonntag, 24. April 2011

Das Amt ...


… kurz vor dem Kurzurlaub in Brasilien!



Der Termin bei der Policia Federal steht schon seit gut einer Woche fest. Mittwoch, 20.04.2011 – 1540 h (Sao Paulo Zeit) soll ich vorstellig werden. Karina würde mich an Ort und Stelle erwarten. Um pünktlich zum Termin zu erscheinen (hier wird erstaunlicherweise Wert darauf gelegt, dass man sogar schon 15 min eher erscheint !), empfiehlt mir die HR Kollegin, mich hinbringen und wieder abholen zu lassen, nur um sicher zu gehen, dass nichts schief geht. Und so fahren Vanderlei und ich bereits um 1430 h los, um die 7 km im vorgesehenen Zeitrahmen zurück zu legen.
Karina empfängt mich vor dem Gebäude, lotst mich durch die Polizeikontrolle in der Polizei und erklärt der Kollegin hinter dem Schalter, dass mein „Passaportschi“ bei ihr sei und ich mich somit nicht ausweisen könne. Was folgt, ist ein kurzer Blick in die Webcam, ein Daumen hoch der Empfangsdame und Karina und ich begeben uns ins zweite Stockwerk, um dort unser Tagwerk zu beenden.

Ich erschrecke beim Anblick der wartenden Menschen. Halb Sao Paulo scheint in diesem Warteraum anwesend zu sein. Ein Stimmengewirr – wie ich es noch nicht gehört habe. Hier Portugiesisch, dort Englisch, Asiatisch meine ich auch vernehmen zu können und diverse andere Sprachen, die ich in meinem Kopf unter „Ausländisch“ ablege. Karina informiert mich darüber, was sie gedenkt zu tun und ich verstehe nur, dass sie etwas abgeben muss und ich mich schon mal hinsetzen soll, denn ich würde aufgerufen werden. Just in diesem Moment ertönt der Aufruf eines Namens über Lautsprecher. Ich kann nicht erhören, ob Männlein oder Weiblein in das Mikrofon spricht, geschweige denn, welcher Name aufgerufen wird. Panik steigt in mir auf. Wie um Himmels Willen soll ich inmitten all dieser Menschen mit dieser undeutlichen Ansage meinen Namen identifizieren, wenn er aufgerufen wird? Und Karina ist irgendwie auch nicht mehr zu sehen. „Meu deus!“ (Mein Gott), was soll ich nur tun? Nur um sicher zu gehen, dass ich alles richtig verstanden habe, rufe ich Karina erneut an. Blitzschnell steht sie hinter mir und erklärt mir mit einer Engelsgeduld, wie das hier läuft. Und ausserdem solle ich mich entspannen, denn in den nächsten 2 Stunden bräuchte ich nicht damit zu rechnen, aufgerufen zu werden. Spricht es und ist auch schon wieder verschwunden.

Und so sitze ich inmitten Millionen von Menschen unterschiedlichster Herkunft und beobachte. Beobachten scheint hier zu einer meiner Lieblingsbeschäftigungen geworden zu sein … Doch dazu dann an anderer Stelle wieder etwas mehr. Ich sitze, schaue und lausche. Vor allem lausche ich dem Gespräch, welches hinter meinem Rücken zu Gange ist. Das Mädel, der deutsche Akzent ist nicht zu überhören, teilt den Rasta-Locken-Männern in der Reihe hinter mir mit, dass sie aus Berlin sei, hier studiert, seit 2 Wochen hier ist, ihre Masterarbeit schreibt und sich nun um die Vervollständigung des Visas zu kümmern hat. Wie genau wir den Kontakt nun hergestellt haben, weiss ich nicht mehr so recht, doch kurze Zeit später, bin ich in das Gespräch mit verwickelt. Von ihr erfahre ich, dass sie bereits seit 0800 h dort wartet und bislang erst um 1300 h zum ersten mal aufgerufen wurde. Wie es bei ihr weiter geht, kann sie nicht sagen, sie muss warten, wie wir alle auch.

Gegen 1600 h taucht Karina wieder auf und lässt mich wissen, dass sämtliche Systeme ausgefallen sind und die Beamten wohl erst gegen 1700 h bekannt geben werden, ob heute noch was geht oder ob wir unverrichteter Dinge wieder gehen und einen neuen Termin vereinbaren müssen. Mir entgleisen die Geschichtszüge und Karina meint lächelnd: „Welcome to Brazil!“ Jep, Welcome to Brazil … Die Klimaanlage schafft es nicht mehr die vorhandenen Körpertemperaturen runter zu kühlen und so gönne ich mir den Luxus, mich nach draussen ins nahegelegene Café zu begeben, um dort einen frischen Kaffee zu trinken und mir darüber hinaus noch ein Eis zu gönnen. Schliesslich hab ich eine „Brokerin“, die dort wartet, um zu erfassen, was Sache ist und mich ggf. telefonisch darüber in Kenntnis zu setzen, dass mein Name aufgerufen wurde.
Karina bittet mich, bevor ich mich auf den Weg nach draussen mache, dem ebenfalls im Café wartenden Samsung Direktor die gleiche Information zukommen zu lassen.
Gesagt getan. Ich sitze und warte und trinke Kaffee und schicke Vanderlei eine SMS und entschuldige mich in mehr schlechtem als rechtem Portugiesisch für die lange Warterei. Er tut mir wirklich, weil wir zu zweit völlig unnütz rumsitzen und nichts ausrichten können. Leider kann ich ihn nicht zum Kaffee einladen, da die Parksituation rund um die Polizei sowas von schlimm ist, so dass er im Wagen sitzen bleibt, um im Fall der Fälle das Gefährt wegbewegen zu können.

Pünktlich um 1700 h finde ich mich wieder im Warteraum, der keineswegs leerer geworden ist, ein. Karina sieht mich die Treppen aufsteigen und schüttelt schon den Kopf … Und so hängen wir stehend rum und verkürzen uns die Zeit mit Geschichten aus unseren Leben. Einer von Karina's Kollegen „mischt“ sich ins Gespräch ein und. Es ist kurzweilig, da ich hier an Ort und Stelle meine Interkulturellen Kenntnisse erweitern und vertiefen kann. Wie das so ist bei solchen Gesprächen, schnell kommt man vom Hundertstel ins Tausendstel und ich erfahre, dass Fernando mein zukünftiger Nachbar wird. Sao Paulo ist ne Erbse. Fernando wohnt im gleichen Condo, in dem ich auch meine Zelte aufschlagen werde. Und nicht nur das, sondern wir wohnen sogar im gleichen Haus und werden gleichen Fahrstuhl nutzen. Ich bis zur 17 – er zur 26.
So geht das also mit Kontakte knüpfen, wenn man auswärts wohnt.

Gegen 1900 h dann lass ich endlich mein Registrierungsprocedere über mich ergehen. Eine Unterschrift, 4 Finger der rechten, dann 4 der linken Hand. Die Daumen gehen separat. Dann alle 10 Finger einzeln, manchmal muss ich wiederholen, weil das Gerät das nicht so gut erfasst. Ich kontrolliere ein letztes Mal die Angaben und bin nach weiteren 5 Minuten stolze Inhaberin meiner Registrierungs- und Steuernummer. JETZT endllich kennt mich Sao Paulo. JETZT existiere ich endlich in dieser Stadt.
Vanderlei holt mich ab, es regnet in Strömen. Erster Hagelschauer in Sao Paulo und innerhalb von Sekunden ist die Stadt überflutet.

Ich schaffe es noch trockenen Fusses zu den Kollegen zur „Happy Hour“ und gönne mir, wie soll es anders sein, nach all dem Stress erst mal einen Chopp. Nach 1-2 Stunden verabschieden wir uns und wünschen uns Frohe Ostern und schöne Feiertage, tauschen nochmals die einzelnen Destinationen aus, wer wohin geht und trennen uns dann.
Im Hotel angekommen, mache ich mich sofort ans Packen meines Koffers. Es ist schon verhältnismässig spät und die Nacht wird kurz. Um 0300 h klingelt der Wecker. Zuviel Zeit möchte ich mit Packen nicht verschwenden und so beschliesse ich, die Shirt-Stapel komplett im Koffer zu versenken, ohne zu prüfen, ob ich das auch wirklich brauche. So ich den Ausführungen meiner Kollegen Glauben schenken darf, weiss man nicht wirklich, wie das Wetter in Ubatuba werden soll. Nicht umsonst nennt man dieses wirklich schöne Städtchen auch Uba-Chuva, weil es dort immer wieder aus heiterem Himmel anfangen kann zu regnen (Chuva = Regen). Tja, und so wandert alles in den Koffer, denn schliesslich gibt es beim Fahren mit dem Auto keine Mitnahmebeschränkungen hinsichtlich meiner Gepäckstücke. Gefühlte 50 kg schleppe ich mit, doch was man hat, das hat man …
Ein letztes Mal vor meiner Abreise habe ich die Gelegenheit über's Radio zu grüssen (Danke Ben) und schlafe schnell den Schlaf der Gerechten.

Haben wir wirklich ausgemacht, wir wollen um 0400 h losfahren? Es ist in der Tat 0300 h und das Wasser tropft noch immer aus meiner Decke. Kaffee trinke ich keinen, denn in Ermangelung der Kenntnis über meine sanitären Möglichkeiten auf der Strecke nach Uba-Chuva, möchte ich es nicht riskieren, irgendwo im Regenwald (oder da, wo ich gerade so langfahre) Pipi machen zu müssen. So dusche ich nur, mach mich fertig (wieder ohne Kriegsbemalung) und schon klingelt mein Telefon, mein Fahrer sei da.
Javier drückt mir das „Nüvi“ in die Hand und ich navigiere im Navi erstmal zu den Spracheinstellungen, die ich auch noch in portugiesischer Ausgangsposition finden kann …

Im nächsten Kapitel geht’s dann mit dem Kurzurlaub weiter …

Gehabt Euch wohl,

Eure Jana.

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