... muss aber vorwärts gelebt werden. (Sören Kierkegaard)
Auch wenn sich hierzulande mal so gar keine Weihnachtsstimmung einstellen mag, so kann ich es mir doch nicht ganz verkneifen, doch ein bisschen zurückzublicken auf die vergangenen Brasilenienmonate. Irgendwie liegen diese Monate, wie ein ganzes kleines Leben hinter mir und genauso wie ein ganzes kleines Leben vor mir ...
Verwirrend und spannend und so normal ... Alles drei auf einmal ...
Ein grosses Land, eine grosse Stadt und ziemlich grosse Gegensätze. April war’s, als ich zum dritten mal in meinem Leben brasilienischen Boden betrat. 2 Dienstreisen führten mich bis dato in das Land der Flip-Flöpper. Immerhin kurz genug, um mir nichts ansehen zu können, dennoch lang genug, um meine Zusage zu erteilen, dieses Land, diese Stadt, für ein Jahr meine Heimat schimpfen zu wollen.
Neben unzähligen Kilogrämmern an Gepäck, hatte ich natürlich noch unzählige gute Ratschläge mit dabei, die mir ganz wild im Kopf umherflatterten und mich schlussendlich daran hinderten, entspannt meinen Aufenthalt zu beginnen.
Es ist gefährlich. Du musst aufpassen. Lauf nicht allein auf der Strasse. Nimm immer ein Taxi ... etc.
Es ist, als ob es gestern war ... Rotz und Wasser heule ich am Flughafen und will gar nicht mehr. Im Flieger will ich gar nicht aussteigen. Will gleich wieder zurück nach Hause. Doch nix da. Leben, ich zeig Dir mal, wo der Frosch die Locken hat. Die Suppe hab ich mir eingebrockt, die löffel ich jetzt auch aus. Komme was wolle. Und dann beschliesse ich erst einmal, das Hotelzimmer nicht mehr zu verlassen.
Allerdings führt kein Weg daran vorbei und ich muss raus. Es geht gar nicht anders und so wage ich die ersten Baby-Steps auf Paulistanischen Strassen. Ganz behutsam setze ich einen Fuss vor den anderen, versuche jeden und alles im Auge zu behalten, bis mir eine Shopping-Mall sicheren Unterschlupf gewährt.
Damals und Heute. All das, was mir zu Beginn Angst, Probleme, Unbehagen, bescherte, geht mir heute relativ leicht von der Hand. Ein klein wenig erschreckend, wie schnell sich das gelegt hat und wie normal das geworden ist. So, als hätte ich niemals was anderes getan. So, als wäre es nie anders gewesen.
So fremd die Menschen mir damals vorkamen, so vertraut sind mir ihre Gesichter heute.
So fremd die Sprache in meinem Ohr klang, so spreche ich sie heute selbst und ertappe mich hin und wieder dabei, sogar in ihr zu denken.
So allein ich damals auch war, so habe ich inzwischen Freunde gefunden, auf die ich mich verlassen und auf die ich zählen kann.
So sehr mir vor der brasilianischen Bürokratie auch graute und so schwer sich das gestaltete, so lernte ich durchzublicken, zu verstehen und mich allein durch den Bürokratie-Dschungel zu navigieren.
So chaotisch mir der Verkehr auf St. Pauli’s Strassen vorkam, so stürze ich mich heute allein mit einem Auto bewaffnet hinein. Selbst das Navigationsgerät habe ich in den letzten Wochen nicht mehr benötigt.
Schlussendlich ist es so, dass, ganz gleich wo man auf der Welt ist, nach einer gewissen Zeit, der Alltag Einzug hält. Es kommt mir vor, als hätte ich den Alltag zu Hause gelassen, weil im Gepäck kein Platz mehr war und dann geht der Alltag hin, kauft sich einfach ein Ticket nach Brasilenien, ohne mir bescheid zu geben, und schleicht sich einfach in das neue Leben ein. Noch nicht mal vom Flughafen wollte er abgeholt werden. Er findet einen auch ohne Auto und ohne GPS.
So ist das wohl.
Und dennoch, es ist anders, als zu Hause. Also in Good Old. Denn St. Pauli ist auch irgendwie Zuhause. So ein bisschen ist es das geworden. Der Dunstkreis, in dem man sich in der Stadt bewegt, ist vertrauter. Neues geht man viel lokkerer an, als noch zu Beginn. Es jagt einem eben nicht mehr so schnell Angst ein.
Neben all den sichtbaren Veränderungen, und ich bin mir sicher, noch lange nicht alle aufgezählt zu haben, stellt man dann in einer ruhigen Minute fest, dass man sich selbst auch verändert hat. Und so stelle ich fest, dass ich die ein oder andere Gewohnheit abgelegt, dafür aber eine neue dazu bekommen habe. So ein klein bisschen mehr „Mädchen“ bin ich wohl auch geworden (unlängst fragte mich ein Freund: „Du sag mal, seit wann wackelst Du denn mit dem Po?“. Mal ganz davon abgesehen, dass ich nicht mit dem Po wackle, so habe ich mich als Gringa, wie ich hier liebevoll genannt werde, belehren lassen, dass ich mit meinem europäischen Bikini NICHT an den Strand gehen darf und mich den lokalen Gepflogenheiten anzupassen habe. Lange Rede kurz, die „Zahnseide“ konnte ich den Mädels ausreden, dennoch ist das Stück Bikini-Stoff einiges knapper ausgefallen, als jenes Modell, was ich zu tragen pflegte (und da dachte ich schon, es sei knapp).
Kurzum, ich merke, ich komme bei und in mir an. Eine Gelassenheit von ganz tief drin macht sich in mir breit und ich fühle mich wohl. Die brasilianische Gelassenheit tut gut, um in bestimmten Momenten, nicht gleich aus der Haut zu fahren. Manchmal verpenne ich sogar, dass es evtl. ein Moment zum in die Luft gehen gewesen sein könnte. Nichts wird so heiss gegessen, wie es gekocht wird und wenn, dann ist der Brasilianer nicht nachtragend, das Brandbläslein auf der Zunge ist vergessen und ein kühles Blondes hilft, Linderung zu verschaffen.
Meinen Koffer habe ich auch oft gepackt – ich glaube, nur die Kofferpackzeit in der Schweiz habe ich noch nicht ganz getoppt.
Ich packte meinen Koffer nach:
- Ubatuba
- Manaus
- Foz do Iguacu
- Deutschland
- Zagreb
- Rio de Janeiro
- nochmal Deutschland
- Puerto Madryn – El Calafate – Ushuaia – Buenos Aires
- Deutschland
- heute packe ich meinen Koffer wieder
Tja, viel gesehen und viel erlebt habe ich – haben wir. Freunde aus Deutschland habe ich hier empfangen und Zeit mit ihnen verbringen dürfen.
Doch wie alles im Leben, hat auch dies hier seinen Preis.
Viele traurige Momente habe ich hier überstehen müssen. Allein. Weit weg von der Heimat. Den Freunden. Der Familie. Das Internet oftmals der einzige Zugang zur Aussenwelt. Das Heimweh war zuweilen schon sehr heftig und es gab Momente, in denen ich am liebsten alles hingeworfen und die Koffer nach Hause gepackt hätte.
Viele Froschpokermomente musste ich überstehen, bis auch für mich die Sonne wieder schien. Und nicht selten die Frage, warum das alles. Zweifel, an dem, was man tut und tat. Selbstzweifel. Angst, vor dem was kommt und Angst vorm Aufwachen und feststellen, dass es doch nicht das gewesen ist, was man sich für sich selbst so vorgestellt hat.
Diese grosse Reise hat Grosses in mir losgetreten. Jetzt gilt es, alles zu ordnen und die Weichen neu zu stellen. Für den Moment aber begebe ich mich zunächst in die Verlängerung und habe so mit dem heutigen Tag sowas ähnliches, wie ein Bergfest. Das was zeitlich nun hinter mir liegt, liegt, so sich nichts ändert, noch vor mir. Und ich glaube mit Fug und Recht behaupten zu können, dass die bevorstehenden Tage, Wochen, Monate sicherlich nicht minder spannend und ereignisreich werden werden, wie jene, die bereits vergangen sind.
Und dann war und ist da noch der „Boyfriend“ Schavier, der so ziemlich alle Berg- und Talfahrten mitgemacht hat. Ein treuer Freund und Begleiter, Zuhörer und Ratgeber. Ohne ihn wäre es ungleich schwieriger gewesen. Er wird seinen Abschluss machen, indem er seine liebe Freundin Karime in Kolumbien heiraten wird und ich werde meinen Abschluss machen, indem ich mit meinen „brasilianischen Schwestern“ am kolumbianischen Strand feiern werde ... Zumindest werden wir im gleichen Land feiern, wenn ich nicht schon bei der Hochzeit dabei sein kann ...
Nun bleibt mir nur euch ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Start ins Neue Jahr zu wünschen !
Kommt gut raus und vor allem gut rein, passt auf euch auf. Und mit ca. 6stündiger Verspätung werde dann auch ich auf euch, auf mich, auf uns anstossen können !!!
Gehabt euch wohl !!!
Eure Jana