Alles
ging so rasend schnell.
Vor
2 Wochen noch schüttelte Miriam eine kleine Abschiedsgrillparty für
mich aus dem Ärmel. Annemarie und Danisa sind ebenfalls eingeladen
und so sehe ich einem sehr lustigen, geselligen und vor allem trink-
und redseligen Abend entgegen. Zum ersten mal komme ich in den Genuss
eines typisch argentinischen „Asado“. Barbeque zu Deutsch.
Es
gibt Bratwürste so dick und rund wie eine prall gefüllter
Schinkenwurstring. Auch gibt es Blutwürste, die bei einem typischen
Asado nicht fehlen dürfen. Dies zum Thema Vorspeise.
Der
Hauptgang bringt allerfeinstes Fleisch in saftigster Form zum
Vorschein.
Damit
alles schön im Fluss bliebt, spülen wir mit Unmengen Argentinischem
Bier und Wein nach.
Ach,
es ist schön …
Dabei
war ich doch nur 3 Monate in diesem tollen Land und dieser tollen
Stadt und genau in diesem Moment fühlt es sich an, als hätte ich
viele Jahre dort verbracht … Wieder einmal ist ein kleiner Teil
dieser Erde ein Stück Heimat geworden.
Spannend
und aufregend war meine Zeit in Buenos Aires. Tolle Menschen habe ich
kennengelernt und sie in mein kleines kaltes Herzlein geschlossen.
Viele Dinge haben wir gemeinsam erlebt und so viel gelacht, bis uns
die Tränen in die Augen stiegen.
Buenos
Aires – ich glaub, ich hab mich ein wenig verliebt. Diese Stadt hat
so unendlich viel zu bieten. Man kann so unendlich viel unternehmen.
Man kann so unendlich viele unterschiedliche Menschen treffen. Man
begegnet auch sich ganz anders.
Klar
ist, ich war nicht zum letzten Mal in dieser wundervollen Stadt auf
diesem wundervollen Fleckchen Erde.
Und
dann ist es Zeit, um Abschied zu nehmen.
Die
Mädels verabschieden mich – ich sie. Traurig bin ich – sehr
traurig, doch die Tränen bleiben, wo sie sind. Wieder allein in der
Argentiniencasa gönne ich mir ein letztes „Quilmes“ und „ergebe“
mich meinem Schicksal.
Let
the Froschpoker begin.
Auf
der Fahrt zum Flughafen am nächsten Tag mache ich einen letzten
Ausflug zu all jenen Orten, die ich in dieser Stadt so lieben lernte
und so finde ich mich plötzlich beim Joggen im Hafen wieder, auch
beim Spaziergang nach und durch San Telmo oder aber auf dem
Kunsthandwerkermarkt in Recoleta. Ich sitze im Cafe, schau dem bunten
Treiben auf Palermo's Strassen zu …
… Terminal
A – ich muss aussteigen …
Bereits
Anfang Juni habe ich mein gesamtes Hab und Gut nach Deutschland
gebracht. Offensichtlich doch nicht mein gesamtes Hab und Gut, denn
nach den 33 kg Freigepäck muss ich noch für 22 kg Übergepäck ein
Entgelt entrichten. Doch was kümmert's mich … Schätzen konnte ich
noch nie wirklich gut.
Der
Trauer, Buenos Aires verlassen zu müssen, folgt ein leiser Anflug
der Vorfreude auf Sao Paulo, sowie auf den Boyfriend Schavier und
seiner Frau Kary. Je näher wir St. Pauli kommen, umso aufgeregter
bin ich.
Schnell
hab ich mein Gepäck, schnell bin ich draussen und während ich noch
suche, hat mich Schavier bereits entdeckt, winkt wild und ich brech
in Tränen aus. Verdammt, warum ausgerechnet jetzt diese
Sentimentalität?
5
Tage verbringe ich noch mit ihnen und verabschiede mich noch von den
Kollegen, mit denen ich ein Jahr gearbeitet habe. Zugegeben, es fällt
mir nicht leicht. Mein Brustkorb zieht sich zusammen und ich möchte
nicht weg. Ich möchte meinen Rechner auspacken, mich an einen
Schreibtisch setzen und dort arbeiten. Der Ausblick aus dem neuen
Büro ist toll.
Wir
umarmen uns und dann setzt sich der Fahrstuhl in Bewegung. Es geht 16
Stockwerke abwärts …
Até
logo …
05.07.2012.
Ich
hab eingecheckt. Kary und Schavier wünschen mir nacheinander alles
Gute – ich ihnen auch und dann sehe ich zu, dass ich im
Security-Bereich verschwinde. Nein, ich schau nicht nochmal zurück.
Stehen sie noch da? Ich weiss es nicht. Und so lasse ich einen treuen
Wegbegleiter zurück … Ich hab nen Kloss im Hals, den ich dringend
mit einem Glas Champagner runterspülen muss …
06.07.2012.
Der
deutsche Boden hat mich wieder. O Gott, wie ordentlich ist das denn?
Warum drängelt denn keiner am Gepäckband? Warum rammt mir keiner
diesen Gepäckwagen in den Rücken und warum quietschen die Dinger
eigentlich nicht? Wieso redet hier niemand mit dem anderen?
Ich
bin irritiert.
Der
Fahrer empfängt mich, wir laden das Gepäck ein (diesmal hatte ich
dann 3 x 33 kg mit) und treten den Weg nach Hause an. Er entschuldigt
sich schon mal dafür, dass der Verkehr „dicht“ ist und dass es
an manch einer Stelle schleppend ginge.
Einmal
mehr bin ich irritiert. Was will er eigentlich? Es geht doch – zwar
langsam, doch wir bewegen uns stetig. Die Fahrbahn ist dreispurig und
bleibt es auch. Da, wo ich herkomm, macht man doch gleich mal 5
Spuren draus und selbst dann bewegt sich nichts … Aber so rein gar
nichts. Das nenn ich dann mal dicht.
Nach
etwas mehr als einer Stunde erreiche ich die Casa.
Sie
wirkt vertraut, aber dennoch fremd. Es scheint, als stünden die
Dinge noch immer am selben Platz, an dem ich sie zurück gelassen
habe. Ich stehe da und trau mich nicht, etwas anzufassen. Ist das
wirklich meins? Gehört mir das?
Ich
öffne die Koffer und fange an, auszupacken.
Binnen
weniger Minuten verteile ich mein Hab und Gut auf jedem der fast 80
Quadratmeter, dusche, pack meine Tasche und hau ab.
Bei
Tuti finde ich Unterschlupf, es gibt was zu Essen und ein lekker
Blubberwässerchen …
… Ich
glaube, ich freu mich ein klein wenig, doch wieder hier zu sein …
Etwas
mehr als eine Woche ist es nun her, dass ich hier gelandet bin und
stelle fest, dass ich noch immer nicht angekommen bin … Vermutlich
habe ich mir gar keine Zeit zum Ankommen gelassen. Immer schön in
Bewegung bleiben, bloss nicht still stehen, bloss nicht ruhen, bloss
keinen Raum zum Nachdenken lassen …
„Man
muss auch mal loslassen können.“
Ich
beginne, loszulassen. Im Kleiderschrank. Gnadenlos sortiere ich aus,
was ich nicht mehr mag, nicht mehr trage, mir nicht mehr gefällt.
Hose um Hose, Shirt um Shirt, Bluse um Bluse, Jacke um Jacke –
alles fliegt raus. 3 x 2,50 m stehen leer. Der Platz für Neues sei
geschaffen und so halten brasilienische Kleidungsstücke Einzug. Der
Neuzugang ist bereits geordert und findet neben der internationalen
Garderobe platz.
Der
Altkram stapelt sich auf dem Gästebett im Gästezimmer.
Insgesamt
14 grosse Säcke Altklamotten und -schuhe schleppe ich in den Keller.
Es ist befreiend. Es tut gut. Es ist wie ein Neubeginn.
Mitten
im Kleiderchaos lasse ich noch von anderen Dingen los. Der Fernseher
fliegt ebenfalls raus. In Jana's neuen Kleidern schlage ich im
hiesigen Elektromarkt auf, wähle ein Gerät, zahle und lasse noch am
gleichen Tag liefern. Check. Das läuft ja, wie geschmiert.
Zum
Glück hab ich noch genug weitere Projekte in der Pipeline und so
wird mir nicht langweilig.
Ich
wühle mich im Internet durch den Tarifdschungel an Internet- und
Telefontarifen. Der neue TV braucht nun auch gute Qualität und somit
muss ich mich auch noch ums Fernsehen kümmern. Ich blicke nicht
durch. Verbringe Stunden am Telefon, rechne, kalkuliere, lege um und
entschliesse mich für einen Anbieter.
Geordert
ist schnell und die Dinge nehmen ihren Lauf …
Eine
Woche später steht alles fast schon wieder an seinem Platz, eine
Woche später bin ich ein klein wenig mehr angekommen, eine Woche
später gibt es schon wieder Neues aus meinem kleinen beschissenen
Leben zu berichten …
Ein
Jahr und drei Monate sind nun vergangen. Ein Jahr und drei Monate in
denen ich gelacht, geweint, vermisst, geflucht, gegessen, getrunken,
geküsst, umarmt habe, gereist bin, viel gesehen hab. Freunde habe
ich in der Fremde gefunden und dieses fremde Land habe ich zu einem
Stück Heimat für mich gemacht. Ein Neuanfang, der sich in der
Retrospektive betrachtet mehr als ausgezahlt hat.
Abschliessend
möchte ich mich eines Zitates bedienen, welches mir Susanne in ihrer
letzten Mail hat zukommen lassen:
„Der
Gewinn eines langen Aufenthaltes außerhalb unseres Landes liegt
vielleicht weniger in dem, was wir über fremde Länder erfahren,
sondern in dem, was wir dabei über uns selbst lernen.“
Roger Peyrefitte (*1907), frz. Schriftsteller u. Politiker
Roger Peyrefitte (*1907), frz. Schriftsteller u. Politiker
Ich
danke dem geneigten Leser für die Begleitung durch „Mein Jahr und
ich Brasilenien“.
Es
war schön mit euch …
Gehabt
euch wohl,
Eure
Jana
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