… Buenos Airische Strassen !
Das ging aber auch wirklich furchtbar schnell. Eben noch beim Arbeiten und im nächsten Moment bin ich schon wieder an dem mir ach so bekannten Flughafen. Den Wagen hab ich ordentlich geparkt und wie es sich für einen ordentlichen Autofahrer gehört, habe ich inzwischen auch die Nummer des Platzes vergessen, auf welchem mein Wagen steht.
Na, dann kann ich mir ja jetzt schon mal viel Spass beim Suchen wünschen.
Sehr viel Zeit habe ich diesmal einkalkulieren müssen, da ich aus ner ganz anderen Richtung eingrätschen musste und man warnte mich eindringlich vor dem vorherrschenden Verkehr zur besten Rush-Hour-Zeit. Ausserdem war zu bedenken, dass ich diese Strecke noch gar nicht kannte und somit das Risiko, mich gnadenlos zu verfahren nicht ganz zu vernachlässigen war.
Bestens ausgerüstet mach ich mich also auf den Weg.
Unterwegs erwische ich mich jedoch schon das ein oder andere mal beim Gedanken, ob ich hier wirklich so richtig sein kann. LKW an LKW reihen sich, ich mit meinem kleinen Hüpfer dazwischen und insgeheim hab ich nur eine Sorge, nämlich die, ob ich hier jemals lebend rausfinden werde. All meine Hoffnung, ich könnte noch auf dem rechten Weg sein schwindet, je öfter sich die Werkstätten, die mit an der Hauswand hängenden Auspuffen (wie heisst eigentlich der Plural von Auspuff?), LKW Reifen, Innen- und Aussenspiegeln und diversen anderen Autoteilen ihr Geschäft bewerben. Beängstigend finde ich dies nicht wirklich, vielmehr sind es die Michelin-Männer, die mit ölverschmierten Shirts, rabenschwarzen Shorts und nicht minder dunkler Gesichtsbemalung mit verschränkten Armen am Strassenrand stehen.
Der Verkehr stockt – mir der Atem – als es nur im Schritttempo voran geht und mir jeder dieser Hulks in schwarz ins Auto und Ausschnitt sehen kann. Ich wünsche mir verdunkelte Scheiben. Offensichtlich werden meine Stossgebete erhört und ich lande auf einem anderen Streckenabschnitt, auf welchem es zwar auch stockt, doch ich bin umgeben von Kleinwagen, die sich mühevoll ihren Weg durch die verstopften Strassen bahnen.
Nach 2 Stunden erreiche ich den Flughafen. Der Check-In ist gleich erledigt und ich eile zur Lounge, denn ich hätte da noch eine Kleinigkeit zu arbeiten. Und genau dazu sollte ich nicht mehr kommen, wie ich bald erfahren sollte.
Die Dame verwehrt mir den Zugang zur Lounge. Warum das so ist, ist gleich erklärt. Ich fliege nicht viel und nicht weit genug in der Weltgeschichte rum, als dass ich die entsprechende Karte hätte, die mir den Zugang zur Lounge verschafft hätte. Meine ist nur Silber und sie müsste Gold sein. Und der Flug ist diesmal Economy, denn kein Mensch kauft ne teure Business Karte für nen 2,5 Stunden Flug. Na gut, manche schon – ich nicht.
Ja nu, wenn das nicht ist, dann such ich mir eben ne Ecke mit WiFi und mach dann das, was ich zu tun habe. Doch der Flughafen scheint WiFilos zu sein. Weit und breit keine Möglichkeit, mich ans Web zu hängen.
Ich bin frustriert und entnervt und das einzige, was jetzt noch helfen könnte, ist ein eiskaltes Bier. Und so kehre ich bei der „Eisenbahn“ ein und trinke ein Eisenbahn-Bier. Ein bisschen Erdung ist auch nicht verkehrt und so folgt ein Telefonat mit Tuti. Schnell bin ich wieder auf dem Boden der Tatsachen und muss auch noch herzlich lachen, als sie mir erzählt, dass sie ihren Göttergatten am Valentinstag erst mal ordentlich runtergeputzt hat und dann auch noch einen ordentlichen Hundehaufen reingetreten ist und diesen dann auch noch – sorgfältig, wie sie nun mal ist – schön im Auto verteilt hat. Ich stelle beruhigt fest – es kann auch noch schlimmer kommen …
In Buenos Aires glüht der Planet. Mitternacht ist es, als ich dort ankomme und es herrscht noch immer eine Hitze, die mich auf der Stelle sterben lässt. Im Hotel dann erfrischende klimatisierte Luft und dann will ich eigentlich nur noch ins Zimmer. Das Hotel – total stylisch – liegt mitten in der Innenstadt, in Laufweite zur Arbeitsstelle. Das Zimmer, ebenfalls stylisch und verdammt kalt. Ja so geht das nun auch nicht. Also suche ich die Fernbedienung für die A/C, die nicht nur kalt, sondern auch verdammt laut ist. Allerdings kann ich sie nicht finden, was mich wieder dazu bewegt, den Weg zur Rezeption anzutreten, um dort mal nachzufragen (das Telefon funktionierte nicht).
Als ich dem Mann an der Dingens erzähle, was ich will, schaut er mich total entsetzt an und meint, er müsse dann aber die Anlage für’s ganze Stockwerk abstellen und wie ich mir das überhaupt vorstellen würde, wo es doch draussen gefühlte 50 Grad hätte.
Na gut, wenn Abstellen schon nicht geht, geht dann wenigstens ein anderes Zimmer, also kein so hysterisches, eines das nicht so einen Krach macht?
Ja, das geht und es ist in der Tat leiser, was allerdings kein Wunder ist, denn das erste Zimmer lag direkt neben dem Klimaanlagen-Maschinenraum …
Ausschalten lässt sich allerdings auch da nichts und mein Bett steht dummerweise so, dass ich genau im Zug liege. Was nun? Ich bin müde, ich will schlafen und eigentlich ist mir grad alles egal und so leg ich mich um. Doch es zieht, es ist kalt. Nein, so kann ich nicht schlafen. Und wenn ich nichts unter nehme, bin ich am nächsten Tag krank. So ziehe ich mir das einzige Longsleeve über, welches ich mitgenommen habe – doch sind wir mal ehrlich, wer braucht bei 40 Grad ein Longsleeve? – und leg mir noch ein Duschhandtuch über mich drüber, denn ich bin zu müde, um nun noch nach ner Decke zu verlagen. Buenas noches Argentina.
Der grosse Regen, der für Abkühlung ausserhalb meines Hotelzimmers sorgen soll, stellt sich am Donnerstag ab ein und zwar mit einer Heftigkeit, wie sie meine Welt noch nicht gesehen hat. Von St. Pauli bin ich ja schon einiges gewohnt, doch das, was sich mir dort bietet, übertrifft alles Dagewesene. Wie soll es auch anders sein. Frau Z. ist mittendrin statt nur dabei. Warum?
Weil darum.
Die Kollegen haben zum Get-Together eingeladen und damit wir wissen, wohin wir müssen, googeln wir uns die Richtung. Bill und ich inspizieren alles, alles ist klar und ich sag ihm nochmal, damit er es nicht vergisst, dass die Bar „Cooper“ (mit C) heisst. Es stürmt und windet, als ich das Hotel verlasse (selbstverständlich ohne Regenschirm) und laufe in die Richtung, die wir uns ergoogelt haben. Final destination: „Scooter“ in der Calle San Martin – Hausnummern finde ich, werden in der Regel überbewertet. Also, ich verlasse das Hotel, laufe nach links bis zur Kreuzung, dann 2 Blocks nach rechts und dann links einbiegen und da sollte es sein. Aber da war es nicht das „Scooter“. Es hiess doch Scooter? Wird schon stimmen, denke ich bei mir und laufe weiter. Auf Google sah das gar nicht so weit aus, und dass ich weitere Strassen zu überqueren hätte, war mir so klar nun auch wieder nicht. Also laufe ich gute 2 Blocks nach links und stehe vor einem Hotel und alles was danach kommt, ist mir zu dunkel. Der Mann an der Rezeption bietet mir an, mir die Adresse nochmal zu googeln. Ich tippe „Scooter Buenos Aires San Martin“ und kriege irgendwie nix Passendes. Ich tippe nur Scooter Buenos Aires. Das passt aber noch immer nicht und dann kommt der Regen und ich hänge fest.
Das ist mal wieder so typisch ich.
Ich stehe inzwischen unter dem Vordach des Hotels und warte darauf, dass die Sintflut nach mir kommt und versuche währenddessen dem Kollegen zu erklären, warum ich noch nicht im Scooter angekommen bin. Die Wahrheit kommt ans Licht, ich zurück zu Google und weiss dann endlich auch, welche Hausnummer das „Cooper“ hat … In der richtigen Strasse bin ich ja schon mal …
Es ist Freitag, ich checke aus, der Regen hat aufgehört und ich begebe mich mit Sack und Pack (zu Fuss) zur Arbeit. Es ist kompliziert, mit dem Trolley den Randsteinen, Schlaglöchern und fehlenden Bodenplatten auszuweichen. Doch ich schaff das, ich bin schon gross.
Unterwegs begegnen mir viele Menschen. Manche gehen zur Arbeit, andere tun es bereits. Sie fegen die Bürgersteige, sie bewässern sie. Wasserlieferanten beliefern mit Wasser, Gemüsehändler mit Gemüse und überhaupt bin ich total begeistert (mal wieder), wie viele gutaussehende Argentinier es doch gibt (und ich würde sie am liebsten alle mitnehmen und auf meine Couch setzen wollen).
Und plötzlich ist es da, diese kleine abschüssige Stück. Und gerade da hat kurz vorher ein Mensch den Gehweg gewaschen. Am Strassenrand stehen zwei dieser Männer, die ich am liebsten mitnehmen würde wollen, und unterhalten sich. Die Anzüge sitzen perfekt und alles passt wunderbar zu deren gebräunter Haut, den dunklen grossen Augen und den rabenschwarzen Haaren.
Ach …
Ach … Und ich? Ich verliere die Bodenhaftung auf dem abschüssigen Stück Strasse, mein rechtes Bein mag mich nicht mehr halten und versucht einstweilen Wasserschuh zu laufen … Ich habe keine Kontrolle mehr über meine Gliedmassen. Und das geht so: Mein rechtes Bein / rechter Fuss – was auch immer, wie auch immer – entgleitet nach hinten, der linke rutscht weiter nach vorne, der Rucksack, den ich auf dem Rücken trage, sorgt dafür, dass ich erst recht nach unten gezogen werde und der Trolley, den ich mit der Rechten hinter mir herziehe, vermag mich bergab zu überholen. Dies allerdings gelingt ihm nicht, denn während ich – ganz und gar nicht elfenhaft – zu Boden gehe, bohrt sich der lange Hebel in meine rechte Achselhöhle. Die Handtasche rutscht mir von der linken Schulter.
Pflicht und Kür habe ich mit Bravour gemeistert. A und B Note geben keinen Grund zur Beanstandung. Die beiden Herren sehen mich bestürzt an. Während ich im Spagat zu deren Füssen sitze, schaue ich – nicht minder bestürzt – nach oben. Ich will aufstehen, aber ich kann es nicht. Wie gelähmt sitze ich da unfähig, mich zu bewegen. Sie eilen mir zur Hilfe und beim Versuch, mich aus meiner verqueren Haltung zu befreien und mir aufzuhelfen, fällt einer der beiden vor mir auf die Knie.
Das ist aber auch verdammt glatt auf dieser Strasse.
Mir ist das alles mal wieder verdammt peinlich und ich muss an Carrie Bradshaw denken: „I fell. I fell in Dior. So I decided the more I purchased the less they'd think of me as the American who fell in Dior!“
I fell. I fell in Buenos Aires …
Don’t cry for me Argentina … Wir werden bestimmt nochmal das Vergnügen haben …
Jetzt flieg ich mal nach Hause und lass die Welt sich allein weiterdrehen.
Gehabt euch wohl,
Eure Jana.