… ich hole Hilfe !
Das glaubt mir mal wieder keiner, wenn ich jetzt berichte, was mir schon wieder passiert ist … Wie denn auch – ich glaub es selbst kaum.
Doch erst mal schön der Reihe nach, damit all das, was jetzt kommt auch eine (Un)Sinn ergibt.
Schon heute früh hatte ich das Gefühl, dass dieser Tag wohl nicht mein Freund werden wird. Jetzt ist es kurz vor 2100 und ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass dieser Tag wirklich nicht zu meinem Freund wurde.
Es war der Tag meines temporären Fahrverbotes und somit beschloss ich, den heutigen Vormittag dazu zu nutzen, endlich mal meine brasilianischen Geldgeschäfte wieder in Ordnung zu bringen (es ist ja nicht so, dass ich hier nicht auch im Minus war). Für mich die weltallerbeste Gelegenheit, endlich mal das „Automaten-Deposit“ auszuprobieren. Fabio, der Bankangestellte, wollte mir das vor grauer Urzeit mal gezeigt haben, doch seinerzeit scheiterte es daran, dass ich meine CPF (das ist die Nummer, ohne die man hier ein Niemand ist und vor allem auch ein Niemand bleibt) nicht dabei hatte. Heute früh hatte ich sie allerdings im Gepäck. Wild entschlossen stehe ich am ATM, ziehe die ersten 800 erlaubten Real. Danach schnappe ich mir einen Umschlag und vervollständige die Daten, die gefordert werden und meistere dies wie kaum eine Andere. Ich bin stolz auf mich.
Das allerdings hält nicht lange an, denn ich scheitere daran, den Umschlag ordnungsgemäss zu verschliessen. Da ist zunächst mal die portugiesische Anweisung, WIE ich das Ding zu schliessen haben. Dummerweise besteht diese Anweisung aus Vokabeln, die ich bislang nicht gelernt habe und ableiten kann ich sowieso nix. Bis heute glaubte ich allerdings auch, von 12 bis Mittag denken zu können und versuchte mich glauben zu machen, dass es doch nicht so schwer sein kann, die Zeichnung und die Zacken und und und so zusammenzubauen, dass der Umschlag so verschlossen ist, dass das Geld, welches ich bis dahin glaubte in einen Geldbriefkasten stecken zu müssen, nicht herausfallen kann. Ich scheitere kläglich. Stolz bin ich auch nicht mehr auf mich.
Stattdessen frage ich eine junge Dame (absichtlich in noch falscherem Portugiesisch), ob sie mir denn sagen kann, wie das geht. Es reicht völlig, wenn ich als dumme Gringa durchgehe, nicht aber als dumme und fehlerfrei portugiesisch sprechende Gringa.
Mit einer Engelsgeduld erklärt sie mir alles und am Ende der Prozesskette erfahre ich dann auch, dass es keinen Geldbriefkasten gibt, sondern der ATM einen Extraschlitz mit einem integrierten Laufband hat. Ähnlich wie beim Supermarkt an der Kasse, nur mit dem Unterschied, dass der Schlitz den Umschlag quasi „frisst“, wenn man ihm den Auftrag dazu gibt.
Irgendwie bin ich restlos begeistert und wünsche mir sowas auch bei meiner Bank in Deutschland, denn das Gute daran ist nicht nur das Gute darin, sondern schlicht und ergreifend die Tatsache, dass ich dazu KEINE Karte brauche.
Den zweiten Durchlauf schaffe ich allein und am Ende stellt sich wieder so ein klitzekleines Gefühl von Jetzt-darf-ich-aber-doch-ein-bisschen-stolz-auf-mich-sein ein.
Seit nunmehr 2 Wochen arbeite ich in einer Art „Aussenstelle“ meiner Firma und habe somit meine Kollegen, die weiterhin im – ich nenne es mal Stadtoffice – arbeiten, schon eine halbe Ewigkeit nicht gesehen. Da ich noch immer Zeit habe – ich darf noch immer nicht fahren – mach ich einen Abstecher in der Firma und betreibe ein bisschen „Fofoka“ (Gossiping auf portugiesisch). Ein Kaffee und noch einer und noch einer und dann packe ich noch ein bisschen Schokolade, die ich aus Deutschland für das Team in der „Aussenstelle“ zusammen. Schliessen wollen unsere strapazierten Nerven immer schön beruhigt werden.
Es ist verdammt heiss, als ich den Weg nach Hause antrete, um dort meinen Wagen und meine Arbeitsutensilien zu holen. Der Hunger lässt mich den Umweg über die Bäckerei an der Ecke machen und dann bin ich auch schon fast auf dem Weg nach Sao Bernardo de Campo (ca. 30 km einfache Fahrt). Während ich mich durch wieder dichter werdenden Verkehr schlängele, trinke ich meinen frisch gepressten O-Saft und esse das noch warme Butterbrötchen.
Mein Arbeitstag verläuft mehr oder minder ohne grössere Zwischenfälle und gegen 1800 beschliesse ich, den Strafzettel doch zu riskieren, denn seit 1700 dauerte mein zweites temporäres Fahrverbot des heutigen Tages an und sollte bis 2000 anhalten. Ich geb Gas und bin in Rekordzeit zu Hause. Ein gemütlicher Abend – man höre und staune OHNE Laufen – ein kühles Blondes und ein paar Sitcoms im TV. Früh schlafen gehen. So der Plan.
Zu Hause angekommen, erst mal was Gemütliches anziehen, was Kaltes trinken, noch 148713 Mails checken und dann auf dem Brasiliotensofa umlegen … Zuvor auf dem Tisch Schokolade und anderes Gesundes Zeug bereitstellen und dann kann’s losgehen.
Was ist da los?
Das MoiPäd hat mal wieder kein Signal. Sicher hat sich das Modem mal wieder verabschiedet. Ich sehe nach. Ui, es ist dunkel. Da blinkt noch nicht mal kleines grünes LED Lämplein. Doch nicht nur das. Der TV Receiver scheint auch aus zu sein. Hm, scheint wohl wieder der Strom ausgefallen zu sein – wird auch nur einen Moment dauern, dann kommt er wieder. So ist das immer. Ich warte einen Moment, doch nichts passiert. Hm, komisch ist das. Sehr komisch sogar. Um mir Klarheit zu verschaffen, wähle ich am Interfon die 100 und habe die Dame von der Eingangskontrolle am Ohr. Ich sage: „Ola, boa noite. Marijana de apartamento 1X4 – bloco 3 fala.” Die Dame sagt auch tudo bem und fragt, wie sie helfen kann. Ich sage dann: „Eu nao sei (also ich weiss nicht), mas aqui no apartamento nao tem electricidad (aber hier im Apartment gibt’s keinen Strom).“ Da sagt sie „eu sei“ (ich weiss). Schade, meine entglittenen Gesichtszüge kann sie nicht sehen. Ich frage: „Porque?“ Und dann erzählt sie mir, dass Elektropaulo (die heissen wirklich so) heute hier waren und mir den Strom abgedreht haben, da ich angeblich meine Rechnungen nicht bezahlt hätte.
Was bitte????
Ich fall fast vom Stuhl, auf dem ich grad mal nicht sitze. Gut, ich hatte zwar nicht immer Geld auf dem Konto und es gab ein paar Problemchen, doch ich habe IMMER pünktlich bezahlt. Jawoll ja, das hab ich. Und jetzt erzählen die mir was von ich hätte das nicht getan. Die Frau ist so nett und sucht mir irgendwelche Servicenummern von Eletropaulo raus und überlässt mich meinem Schicksal. Nun denn, ich glaube schon, das ein oder andere allein zu können, doch der Elektroschuh ist mir wohl doch ne Nummer zu gross. Ich schnappe mir Pass, CFP, RNE das Händie und mach mich auf den Weg zur Cristina – meine Condominio Administratorin. Ich werde sie bitten, ob sie mir nicht helfen kann beim Gespräch mit der Elektrizität.
Schon beim Betreten des Büros wird mir klar, dass die Gute schon längst bescheid weiss. Verdammt, wie peinlich ist das denn? Fast schon komm ich mir vor, wie wenn ich mit einem Bein im Gefängnis stehe. 15 Minuten später ist Cristina überzeugt, dass ich wirklich alles bezahlt hab, denn ich hab ihr meine Bankauszüge gezeigt und da war zu erkennen, dass in jedem Monat der Betrag überwiesen wurde. Cris ruft bei Elektropaulo an und erklärt, was passiert ist und dass ich eine Gringa bin und gaaaaanz wenig portufiesisch spreche und sie das nun in meinem Auftrag tut.
Mühsam wie Eichhörnchen arbeiten wir uns in meinem Fall nach vorne. Es gibt ja kein sogenanntes „Cadastro“ für mich, denn die Rechnungen, die ich allmonatlich bezahle laufen bzw. liefen noch immer auf den Namen der Vor-Vormieterin. Anfangs wunderte mich das auch, doch ich liess mir sagen, dass das wohl so in Ordnung sei. Auch gut. Cris macht das toll. Sie lässt sich nicht abwimmeln und bohrt so lange weiter, bis die Dame am anderen Ende, dann meine CPF, meine RNE und meinen Namen habwn will. Das, was normalerweise 2 Tage dauert, schafft ‚Cris in 40 Minuten. Ich hab mein eigenes Elektropaulo-Cadastro und bin total stolz auf Cris, die mir noch, während sie telefoniert, ein Glas Prosecco einschenkt und mir den Ventilator anmacht …
Im Laufe des Gespräches haben wir dann allerdings herausgefunden, dass die Vor-Vormieterin den Auftrag bei Elektropaulo gegeben hat, dass das alles gelöscht wird und da die Stromversorger davon ausgingen, dass die Brasileniencasa leer steht, haben sie kurzerhand den Strom abgedreht ohne Bescheid zu geben.
Tja, und nun sitze ich unten am Pool und lass mich fremdstromversorgen. Zumindest habe ich hier unten „Piscina-WiFi“, kann surfen und mir die Zeit vertreiben.
Meine Butterstulle (die ich mir im Dunkeln geschmiert hab)
hab ich inzwischen schon gegessen und trinke gerade noch mein eiskaltes Skol,
denn schlau, wie ich bin, habe ich das Bier bevor ich zu Cristina bin, im Gefrierfach verstaut, damit es auch wirklich kalt bleibt.
Und so geht wieder ein aufregender und ungewöhnlicher Tag zu Ende … und ich bin müde genug und leg mich gleich und lass die Welt sich allein drehen …
Gehabt Euch wohl,
Ich.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen