Geht’s eigentlich noch?
Kurz nach 1000 in Sao Paulo.
Ich verarzte gerade noch telefonisch meine Nachwehen der vorhergehenden Besprechung, als plötzlich lautes Sirenengebrüll, Blitzlichtgewitter und allgemeiner Trubel losgehen.
In Lu ertönt es dann immer aus den Lautsprechern: „Achtung, Achtung, es erfolgt die wöchentliche Überprüfung der Lautsprecheranlage. Bitte melden Sie Störungen …“ – Jeden Freitag um Punkt 1100.
Heute ist weder Freitag, noch ist es Punkt 1100, doch Manoel hat sich den quietschorangen Kittel angezogen und scheucht die vor sich hinarbeitende Meute auf.
Mein Gespräch beende ich abrupt und schwimme mal ausnahmsweise nicht gegen den Strom.
Das Gebäude hat 15 Stockwerke, wobei es Nummer 13 nicht gibt, da es angeblich Unglück bringen soll. Ergo kann das Feuer schon mal nicht im 13. Stock ausgebrochen sein. Die Menge drängt inzwischen schon zum Ausgang, während ich noch schnell mein Hab und Gut in den Rucksack verstaue. Die Smartphones nehme ich mit, das Softphone bleibt liegen und während ich mich schon auf dem Weg zum Ausgang befinde, fällt mir ein, dass ich die Jacke nicht mitgenommen habe. Ergo, ich spring noch schnell zurück, um mich dann in Windeseile der hinunterströmenden Menge anzuschliessen.
Sao Paulo und das vorherrschende Verkehrsproblem. Zur besten Spielfilmzeit, kommt der Verkehr auf den paulistanischen Strassen zum Erliegen, Sonntags stehen sich die Radfahrer ihre Pedalen in den Bauch und jetzt steh ich im Fussgängerstau im Treppenhaus zwischen Stockwerk 12 und 11. Es bewegt sich nichts.
Wir werden angehalten, zwar keine Gasse freizuhalten, doch müssen wir uns alle rechts einordnen. Das muss sein, denn wenn der Bombeiro mit dem Wasserschlauch hoch muss, dann muss er das auf der anderen Treppenseite tun können. Wertvolle Minuten vergehen und ich ertappe mich dabei, wie ich die Lüftungsschlitze beobachte, ob nicht Rauchschwaden aufsteigen. Auch fällt mir auf, dass ich mich durch den vorhandenen Gesprächslärm – es hallt verdammt laut nach – nicht auf meinen Geruchssinn konzentrieren kann. Riecht es evtl. schon verkohlt oder so?
Nichts kann ich erriechen oder gar erkennen.
Weitere Minuten vergehen und es wird immer wärmer, immer lauter, immer …
Und dann ist’s vorbei mit meiner Contenance … Langsam steigt Panik in mir auf. Die Menschen von hinten drängen sich mir ins Kreuz, die Luft wird immer dünner und meine Knie immer weicher. Bevor ich zum „Stagediver“ werde, setze ich mich vorsichtshalber mal auf die Treppe. Während ich so da sitze, versuche ich die aufkeimende Panik unter Kontrolle zu halten, indem ich tief und langsam weiteratme. Innerhalb weniger Minuten fragen mich allerdings eine kleine Million Menschen, ob denn alles gut sei … Offenischtlich nicht, denn was ich nicht sehen kann ist, dass ich meine Gesichtsfarbe, der des Treppenhauses (weiss) angepasst habe und dass mir inzwischen die (Angst)Schweissperlen von Stirn und Nase tropfen.
Eine Kollegin mit grünem Signalfarbenkittel schnappt mich bei der Hand, eine andere trägt hinter mir meinen Rucksack und wir begeben uns auf dem Bombeiro-Treppenweg nach unten. Es kommt mir vor, wie eine Ewigkeit. Immer mal wieder setze ich mich, da ich glaube Karussell zu fahren. Eine ganze Ewigkeit später kommen wir draussen an. Ich folge nur noch, allein geht gar nichts mehr.
Ich sitze. Draussen. Im Freien.
Zum Glück hab ich den Rucksack dabei, denn der hat Wasser.
Und dann kommt auch schon der japanesische Doktor und misst mir den Blutdruck, der jenseits von gut und böse zu sein scheint. Allmählich lässt die Panik nach, mein blutleerer Körper füllt sich wieder mit Leben.
Es war ein Test. Ein Probelauf.
In 20 Minuten wurden insgesamt 2.600 Personen aus dem Gebäude befördert.
Jetzt bin ich nicht nur die „Gringa“, sondern auch noch das Mimöschen …
Gehabt euch wohl.
Ich.