… und was ich sonst noch liegen lasse !
Der dauerhafte Jetlag samt der Vielfliegerei durch die Galaxis tut mir nicht gut. Latente Müdigkeit bestimmt meinen Alltag, das Denken und Konzentrieren unter erschwerten Bedingungen fällt zunehmend schwerer.
Dies, und nichts anderes, scheint mir derzeit dafür verantwortlich, dass all die Dinge passieren, die passieren.
Diese eine Woche vor wenigen Wochen.
Diese eine Woche hat mein kleines beschissenes Leben total auf den Kopf gestellt. Seither ist nichts, wie es mal war … Domino-Effekt. Ich hab das erste Steinchen umgeworfen und jetzt ist das alles nicht mehr aufzuhalten …
Die Arbeit lenkt mich ab, hält mich beschäftigt. So denke ich nicht zuviel an ihn und an ihn. Ab und an denke ich an Zuhause und ertappe mich dabei, wie sehr ich mich freue, bald wieder nach Hause fliegen zu können …
Ab und an vergesse ich aber auch an Bestimmtes zu denken … Der Kopf ist voll – der Kopf ist leer … Wie dem auch sei …
Es ist 2 Wochen her, da finde ich mich am Flughafen Guarulhos ein, um meinen Weg nach Good Old anzutreten. Wir reden, lachen, weinen und verabschieden uns … Ich muss zum Terminal 2. Ein Glas Wein und „Hochgefickt“ (Nathalie Bergdoll) leisten mir Gesellschaft. Die Klimaanlage brummt, mich fröstelt es … Mein Griff führt ins Leere. Verdammt, wo ist meine Jacke. Nein, nicht irgendeine Jacke, meine Lieblingsjacke. Jene Jacke, die schon überall war, die seit Jahren mein treuer Begleiter ist – ähm, war. Wo ich sie habe liegen lassen, weiss ich nicht. Mein Kopf kann das nicht mehr rekonstruieren. Da ist der Mietwagen, der Transferwagen zum Flughafen, Pizza-Hut, Check-in Schalter, etc.
„Jetzt ist sie weg …“ – und ich bin wieder allein …
Letzte Woche. Ich erlöse mich vom Alleinsein und kaufe mir ein neues Jackenkleidungsstück. Selbstverständlich eines, mit hoch ausgeprägtem Potential im Laufe der Zeit ebenfalls zu einer Lieblingsjacke zu mutieren. Die Neue ist mit der Alten nicht zu vergleichen. Das ist auch gut so, denn ich möchte ja keine Wunden aufreissen und Salz reinstreuen … Es hat nicht lange gedauert und wir haben uns aneinander gewöhnt …
Verflixter Sonntag. Ich weiss, warum ich Sonntage nicht mag. Der Flughafen scheint ein jackenverschlingendes Loch zu sein. Unergründliche Tiefen, in welchen Jacken einfach so verschwinden. Diesmal leistet mir nur das Buch Gesellschaft, den Wein hab ich nicht, aber die Klimaanlage brummt, als es mich wieder fröstelt. Ein déjà-vu. Der Mini-Alptraum beginnt ein zweite mal … Dabei standen wir gerade am Anfang einer wundervollen Beziehung.
Manic Monday. Die Mittagspause ein geeigneter Zeitpunkt, um zum Laden zu eilen und das Kleidungsstück noch mal zu kaufen. Nur kein Risiko eingehen, kein neues Modell. Verdammt, meine Grösse ist nicht mehr da. Nach einem geschulten Blick ins Bestandsystem kommt es dann doch raus: Meine Grösse sollte noch da sein. Ist sie auch – und zwar an der Puppe.
Jetzt ist die Puppe nackt, mir ist wieder warm und seither überlege ich, was ich tun kann, damit mir der Flughafen dieses Modell nicht wieder entwendet …
Und dann war da noch ein Trekkingjackenkleidungsstück. Neu erworben für den bevorstehenden Urlaub. Funktionswäsche in schön. Schön praktisch. Schön teuer. Mehrere kritische Blicke in den Spiegel hat’s inzwischen gekostet. Ist es das, was ich will? Ist sie zu kurz? Zu dünn? Zu ichweissnichtwas?
Gestern fasse ich den Beschluss, wir trennen uns. Als ich die Jacke zum Fachhandel zurück bringe, bin ich noch immer felsenfest davon überzeugt, ein vergleichbares Modell, gleichen Herstellers, nur etwas länger und vor allem in „Übergangsqualität“ zu finden. Das Leid des Äquators. Andernorts fängt der Sommer an, während hier der Winter bald sein Unwesen treiben wird.
Mein eingeschränktes Reaktionsvermögen lässt es nicht zu, die Fachkraft am Ausfüllen des Retourenscheins zu hindern. Die Gutschrift über etliche Euronen halte ich in Händen. Die Jacke bin ich auf ordentlichem Wege los geworden.
Google verrät, wo es weitere Modelle gleichen Herstellers gibt. Ich bin überzeugt, hier fündig zu werden. Zugegeben, ein wenig unter Druck stehe ich schon, denn bis Freitag will das Trekkingteil gekauft sein. Ansonsten wird die Reise wenig spassig … (aber nur im Hinblick auf das nicht vorhandene Kleidungsstück).
Was folgt ist ein ganz und gar nicht zufriedenstellendes Telefonat und die Erkenntnis, dass die Jacke eigentlich gar nicht so verkehrt war. Ich sollte öfter mal Mut zu Neuem beweisen … Ein weiteres Telefonat folgt. Um die Sache abzukürzen: Heute werde ich nun meine Jacke zum zweiten mal kaufen … Sie ist bereits auf meinen Namen reserviert …
Jetzt kann ich wieder nach Hause fliegen …
Und was lass ich sonst noch liegen?
Ein paar Sorgen und unnötigen Ballast … Schliesslich kann ich ja nicht beliebig viele Kilos mitnehmen …
Es will wohl überlegt sein, was ich einpacke …
Ich wünschte, manch unliebsamer Gedanke oder unliebsame Erfahrung würde anstelle meiner Jacke in den dunklen Tiefen des Flughafens verschwinden …
Gehabt euch wohl.
Datt Lisa
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